AFTER DARK
Die kostenlose Leseprobe
Manche Türen sollten verschlossen bleiben.
Hey, schön, dass du hier bist! 🖤
Ich bin NIUX und möchte dir einen ersten Einblick in meinen neuen Dark-Romance-Psychothriller AFTER DARK geben.
Im Mittelpunkt stehen Mara Winter, eine selbstbewusste Eventmanagerin, und Florian Falk, ein Sicherheitsberater, der seine Vergangenheit lieber für sich behält.
Als sich ihre Wege während einer Veranstaltung im Hamburger Hotel Falkenried kreuzen, beginnt alles mit einer scheinbar gewöhnlichen Sicherheitsstörung.
Doch hinter einer verschlossenen Tür verbirgt sich mehr, als beide zunächst ahnen.
Hier kannst du die ersten beiden Kapitel kostenlos lesen. Darunter findest du außerdem eine zusätzliche sinnliche Kostprobe aus einem späteren Kapitel.
Mich interessiert besonders deine ehrliche Meinung: Gefällt dir mein Schreibstil? Wecken Mara und Florian dein Interesse? Und würdest du nach dieser Leseprobe weiterlesen wollen?
Ich wünsche dir viel Spaß beim Eintauchen in die Geschichte.
NIUX 🖤
Inhaltshinweis: Die Geschichte behandelt unter anderem psychische Manipulation, Überwachung, Stalking, Bedrohungen, Gewalt, Schuldgefühle und belastende Erinnerungen. Der vollständige Roman enthält außerdem explizite sexuelle Inhalte und richtet sich an Erwachsene.
Kapitel 1 – Der Mann, der nicht lächelt
MARA
MARA Um 21:17 Uhr hatte ich bereits zwei Beschwerden über das Essen, einen verschwundenen Kellner und einen Hauptsponsor, der seine Rede unbedingt vorziehen wollte. Eigentlich fehlte nur noch ein Feueralarm, um diesen Abend endgültig zu ruinieren. Dann kam Sophie. Ich erkannte an ihrem Gesicht, dass sie keine guten Nachrichten hatte. Normalerweise lächelte sie selbst dann noch, wenn hinter den Kulissen das reinste Chaos herrschte. Jetzt stand sie neben dem Empfangstresen, hielt ihr Tablet mit beiden Händen fest und sah aus, als würde sie am liebsten wieder verschwinden. „Sag mir bitte, dass du nur eine Zigarette brauchst“, murmelte ich. „Wir haben ein Problem.“ „Natürlich haben wir das.“ Ich stellte mein Wasserglas ab und warf einen kurzen Blick in den Ballsaal. Die Gäste unterhielten sich, der Pianist spielte, und an der Bar wurden Getränke ausgeschenkt, deren Preise ich lieber nicht kennen wollte. Von außen wirkte alles perfekt. Genau dafür wurde ich bezahlt. „Was ist passiert?“ Sophie trat näher, damit niemand unser Gespräch mithören konnte. „Ein fremder Mann ist vor ungefähr zehn Minuten durch den westlichen Servicegang gegangen. Schwarze Jacke, keine Uniform, kein Mitarbeiterausweis. Einer der Serviceleiter hat ihn gesehen.“ „Vielleicht ein Techniker.“ „Hat er auch gedacht. Aber als er ihn angesprochen hat, ist der Mann einfach weitergelaufen und durch eine Tür verschwunden.“ Ich runzelte die Stirn. „Welche Tür?“ „W-17.“ Für einen Moment war ich sicher, sie falsch verstanden zu haben. W-17 gehörte zu einem alten Verbindungstrakt des Hotels, der seit der Renovierung nicht mehr regulär genutzt wurde. Bei meiner ersten Veranstaltung im Falkenried hatte mir der technische Leiter ausdrücklich erklärt, dass dieser Bereich gesperrt sei. „Das ist unmöglich.“ „Offenbar nicht.“ Ich sah auf meine Uhr. In dreizehn Minuten sollte die Rede unseres Hauptsponsors beginnen. Danach folgte eine Benefizauktion, bei der die Gäste hoffentlich großzügiger mit ihrem Geld umgehen würden als mit ihrer Geduld. „Ist die Hotelsicherheit informiert?“ Sophie nickte. „Die kümmern sich schon darum. Du sollst aber wissen, dass sie den westlichen Gang vorerst sperren.“ Natürlich. Ausgerechnet den Gang, durch den später ein Teil des Servicepersonals laufen sollte. Ich nahm mein Tablet vom Tresen und öffnete den Ablaufplan. „Sag Leon, dass er die Kellner über den südlichen Korridor schicken soll. Die zusätzlichen Wege müssen wir bei der nächsten Pause auffangen. Und wenn unser Hauptsponsor fragt, warum er noch nicht auf die Bühne darf, soll Leon ihm sagen, dass sein Auftritt für halb zehn vorgesehen ist.“ „Du weißt, dass Leon sich nicht traut, ihm zu widersprechen.“ „Dann darf er heute etwas Neues lernen.“ Sophie verzog den Mund. Unter anderen Umständen hätte sie darüber gelacht, aber ihre Augen wanderten immer wieder zur Tür des Servicebereichs. „Gehst du da jetzt wirklich selbst hin?“ „Ich will zumindest wissen, wie lange die Sperrung dauert. Wenn wir den halben Ablauf ändern müssen, brauche ich eine vernünftige Auskunft.“ „Mara, da ist möglicherweise noch jemand unterwegs, der nicht hierhergehört.“ „Deshalb gehe ich auch nicht in den gesperrten Trakt, sondern spreche mit der Sicherheit.“ Ich berührte kurz ihren Arm. „Bleib du bitte hier. Wenn etwas ist, rufst du mich an.“ Das Hotel Falkenried gehörte zu diesen Hamburger Häusern, in denen selbst die Toiletten aussahen, als hätte jemand ein kleines Vermögen in die Einrichtung gesteckt. Hohe Decken, heller Marmor, schwere Vorhänge und überall frische Blumen. In der Eingangshalle hing ein Kronleuchter, der vermutlich mehr kostete als meine Wohnungseinrichtung. Ich mochte das Hotel trotzdem. Das Personal war professionell, die Küche zuverlässig, und normalerweise funktionierte hier alles. Für eine Projektleiterin war das beinahe Luxus. Heute schien das Gebäude allerdings beschlossen zu haben, mir das Leben schwerzumachen. Mein Handy vibrierte, als ich den Ballsaal verließ. Leon: Der Sponsor möchte jetzt auf die Bühne. Ich tippte im Gehen zurück. Dann muss er sich noch ein paar Minuten gedulden. Ich kümmere mich gerade um ein Sicherheitsproblem. Die Antwort kam sofort. Er ist nicht begeistert. Ich blieb kurz stehen, sah auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf. Ich auch nicht, Leon. Danach steckte ich das Handy weg. Manchmal fragte ich mich, ob ich mit siebenundzwanzig nicht längst einen Beruf hätte haben sollen, in dem Menschen ihre Probleme selbst lösten. Andererseits liebte ich die Arbeit. Ich mochte dieses Gefühl, wenn nach wochenlanger Vorbereitung endlich alles zusammenkam. Wenn aus Plänen, Telefonaten und unzähligen Kleinigkeiten ein Abend wurde, an den sich die Gäste gern erinnerten. Nur die letzten Stunden vor dem Ende hätte ich gelegentlich gern übersprungen. Hinter der Tür zum Servicebereich änderte sich die Atmosphäre. Die Musik aus dem Ballsaal war nur noch gedämpft zu hören. Statt Parfüm und frischem Essen roch es nach Kaffee, Reinigungsmitteln und dem warmen Metall der Transportwagen. Zwei Kellner kamen mir entgegen, beide mit leeren Tabletts. Ich fragte, ob sie einen fremden Mann gesehen hätten, doch keiner von ihnen konnte mir weiterhelfen. Am Ende des Korridors standen zwei Männer vor einer grauen Stahltür. Einen davon kannte ich. Herr Behrens, der diensthabende Sicherheitsleiter des Hotels, war ein freundlicher Mann Mitte fünfzig, mit dem ich schon mehrere Veranstaltungen betreut hatte. Der andere stand mit dem Rücken zu mir und telefonierte. „Ich brauche die vollständigen Zutrittsprotokolle“, sagte er. Seine Stimme war tief und ruhig. „Nicht nur die erfolgreichen Freigaben. Auch die abgelehnten Versuche. Und lassen Sie die Berechtigung für diesen Bereich vorläufig sperren.“ Er hörte einen Moment zu, bedankte sich knapp und beendete das Gespräch. Erst als er sich umdrehte, sah ich ihn richtig. Dunkelblonde Haare, an den Seiten kurz geschnitten, ein gepflegter Bart und ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel er bis knapp unter die Ellenbogen hochgeschoben hatte. Er war nicht auffällig groß, aber sportlich gebaut und stand so aufrecht, dass er automatisch größer wirkte. Sein Gesicht war markant, ohne hart auszusehen. Am meisten fielen mir seine Augen auf. Bei dem kalten Licht im Korridor konnte ich nicht entscheiden, ob sie blau oder grün waren. Ich musste zugeben, dass er ausgesprochen gut aussah. Was mir in diesem Moment überhaupt nichts brachte. „Frau Winter“, begrüßte mich Behrens. „Wir wollten Sie gerade informieren.“ „Das hoffe ich. Meine Kollegin hat mir gesagt, dass jemand durch W-17 gegangen ist.“ Der fremde Mann betrachtete mich kurz. Sein Blick blieb einen Augenblick an meinem Namensschild hängen, bevor er mir die Hand reichte. „Florian Falk. Ich unterstütze die Sicherheitsprüfung.“ Sein Händedruck war fest und angenehm. Er hielt meine Hand nicht länger als nötig, was ich nach einigen Erfahrungen auf solchen Veranstaltungen durchaus zu schätzen wusste. „Mara Winter. Ich bin für den Ablauf der Veranstaltung verantwortlich.“ Ich wandte mich an Behrens. „Können wir den westlichen Servicegang weiter benutzen?“ „Vorerst nicht“, antwortete Florian Falk, bevor der Sicherheitsleiter etwas sagen konnte. „Der Bereich bleibt gesperrt, bis wir sicher sind, dass sich dort niemand mehr aufhält.“ Ich sah ihn an. „Das bedeutet für mich, dass ungefähr zwanzig Mitarbeiter einen Umweg laufen müssen. Wie lange wird das dauern?“ „Das kann ich Ihnen noch nicht sagen.“ „Eine halbe Stunde? Eine Stunde?“ „Sobald wir mehr wissen, bekommen Sie eine Einschätzung.“ Ich atmete langsam aus. Er klang nicht unfreundlich, aber offenbar gehörte er zu den Menschen, die grundsätzlich nur so viele Wörter benutzten wie unbedingt nötig. „Herr Falk, ich muss den Ablauf für zweihundert Gäste koordinieren. Ich brauche wenigstens eine ungefähre Angabe.“ Er sah mich ruhig an. „Und ich muss ausschließen, dass sich ein Unbefugter in einem nicht kontrollierten Teil des Gebäudes aufhält. Ich verstehe Ihr Problem, aber ich werde Ihnen keine Zeit nennen, die ich nicht einhalten kann.“ Das war eine vernünftige Antwort. Leider machte sie meine Situation nicht besser. „Gut. Dann organisieren wir den Service eben um.“ Ich sah zu Behrens. „Bitte geben Sie mir Bescheid, sobald der Gang wieder frei ist.“ Eigentlich hätte ich jetzt zurückgehen können. Stattdessen blieb ich stehen, weil mir eine andere Frage wichtiger erschien. „Besteht eine Gefahr für die Gäste?“ Florian legte sein Handy auf einen kleinen Servierwagen neben der Tür. „Bislang haben wir keine Hinweise darauf. Wir überprüfen die angrenzenden Bereiche und die möglichen Ausgänge. Im Ballsaal kann die Veranstaltung vorerst weiterlaufen.“ „Vorerst?“ „Sollte sich die Lage ändern, informieren wir Sie sofort.“ Ich betrachtete ihn einen Moment. Andere hätten mir vermutlich versichert, dass alles vollkommen in Ordnung sei. Er tat das nicht. Ich wusste noch nicht, ob mich diese Ehrlichkeit beruhigen oder beunruhigen sollte. „In Ordnung“, sagte ich schließlich. „Dann halte ich den Servicebereich frei.“ „Danke.“ Ich wollte mich bereits umdrehen, als er hinzufügte: „Und bleiben Sie bitte selbst im öffentlichen Veranstaltungsbereich. Falls Ihnen jemand auffällt, der nicht hierhergehört, verständigen Sie den Sicherheitsdienst.“ Ich hob eine Augenbraue. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich versuchen würde, den Mann allein zu verfolgen?“ „Ich kenne Sie nicht, Frau Winter.“ „Dann kann ich Sie beruhigen. Ich habe weder die Ausbildung noch die Schuhe dafür.“ Sein Blick fiel kurz auf meine schwarzen Absatzschuhe. Als er wieder aufsah, zuckte ein Mundwinkel. „Das ist zumindest eine vernünftige Einschätzung.“ „Ich treffe gelegentlich welche.“ „Das glaube ich Ihnen.“ Es war kaum mehr als ein angedeutetes Lächeln, aber es veränderte sein Gesicht. Ich hätte gern noch etwas gesagt, um herauszufinden, ob er tatsächlich Humor besaß. Doch in diesem Moment klingelte mein Handy erneut. Leon. Ich entschuldigte mich und nahm ab. Nach einer kurzen Diskussion darüber, ob ein Sponsor wirklich fünf Minuten länger warten konnte, beendete ich das Gespräch und steckte das Handy zurück in meine Tasche. „Schwieriger Abend?“, fragte Florian. „Sagen wir so: Ich wäre nicht böse, wenn morgen schon wäre.“ „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten.“ Ich nickte und ging ein paar Schritte, bevor ich mich noch einmal umdrehte. „Herr Falk?“ „Wenn Sie den Mann finden, sagen Sie ihm bitte, dass er mir den Abend ruiniert hat.“ Diesmal lächelte er tatsächlich. „Ich richte es aus.“ Die Rede begann mit vier Minuten Verspätung. Für den Hauptsponsor war das offenbar eine persönliche Beleidigung. Für mich bedeutete es, dass ich die anschließende Auktion ein wenig straffer organisieren musste. Leon übernahm die Abstimmung mit dem Moderator, während Sophie sich um die Gäste kümmerte, die ihre Plätze gewechselt hatten und nun behaupteten, ihre Tischkarten seien falsch gewesen. Es war erstaunlich, wie viel Energie erwachsene Menschen darauf verwenden konnten, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Gegen halb zehn hatte sich die Lage endlich beruhigt. Der Sponsor hielt seine Rede, die Gäste applaudierten, und auf der Bühne wurde das erste Auktionsobjekt vorgestellt. Ich stand seitlich am Eingang des Ballsaals und kontrollierte die nächsten Programmpunkte. „Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee gebrauchen.“ Sophie tauchte neben mir auf und reichte mir einen Pappbecher. „Ich könnte einen Urlaub gebrauchen.“ „Kaffee war günstiger.“ Ich nahm den Becher entgegen und trank einen Schluck. Er war heiß, stark und vermutlich das Beste, was ich heute Abend bekommen würde. „Wie sieht es hinten aus?“, fragte sie. „Der westliche Gang bleibt gesperrt. Die Sicherheit überprüft den Bereich.“ „Haben sie den Mann gefunden?“ „Noch nicht. Zumindest nicht, als ich dort war.“ Sophie nickte nachdenklich. Dann musterte sie mich auf eine Weise, die mir überhaupt nicht gefiel. „Was?“, fragte ich. „Nichts.“ „Sophie.“ „Ich habe den Sicherheitsberater gesehen.“ Ich nahm einen weiteren Schluck Kaffee. „Schön für dich.“ „Der mit dem schwarzen Hemd.“ „Es gibt vermutlich mehrere Männer mit schwarzen Hemden.“ „Aber nicht mehrere, die so aussehen.“ Ich stellte den Becher ab. „Können wir bitte über etwas anderes sprechen?“ Sie grinste. „Also findest du ihn auch attraktiv.“ „Ich finde vor allem, dass er seinen Job ernst nimmt.“ „Das war nicht meine Frage.“ Ich kannte Sophie seit unserem ersten gemeinsamen Projekt bei AURELIA. Sie war eine ausgezeichnete Kollegin, eine noch bessere Freundin und leider vollkommen unfähig, mich mit solchen Dingen in Ruhe zu lassen. „Ja, er sieht gut aus“, gab ich schließlich zu. „Zufrieden?“ „Sehr.“ „Dann können wir uns jetzt wieder um die Arbeit kümmern.“ Sie lachte leise, wurde aber gleich darauf ernster. „Nur damit du es weißt: Er wirkt nicht gerade wie jemand, mit dem man unkompliziert ein bisschen flirtet.“ Ich sah zur Bühne, auf der gerade ein Gemälde versteigert wurde, das ich mir nicht einmal dann ins Wohnzimmer gehängt hätte, wenn man mich dafür bezahlt hätte. „Ich habe auch nicht vor, mit ihm zu flirten.“ Sophie sagte nichts. Als ich sie ansah, hob sie nur vielsagend die Augenbrauen. „Was denn?“ „Du hast vorhin ungefähr drei Minuten gebraucht, um mir zu erzählen, wie ruhig er ist, wie er spricht und dass er tatsächlich lächeln kann.“ „Ich beobachte Menschen. Das gehört zu meinem Beruf.“ „Natürlich.“ Ich stieß sie leicht mit der Schulter an. „Du bist unmöglich.“ „Und du bist seit einer Ewigkeit nicht mehr richtig ausgegangen.“ Damit hatte sie leider recht. Seit meiner Trennung von Daniel waren fast acht Monate vergangen. Acht Monate, in denen ich mich auf meine Arbeit konzentriert, meine Wohnung neu eingerichtet und erfolgreich vermieden hatte, mich noch einmal auf jemanden einzulassen, der mir das Leben schwer machen könnte. Daniel war kein schlechter Mensch gewesen. Zumindest wollte ich das glauben. Aber irgendwann hatte ich aufgehört, ihm von meinen Erfolgen zu erzählen, weil er ohnehin immer etwas daran auszusetzen hatte. Ich arbeitete zu viel, nahm meinen Beruf zu ernst oder war angeblich zu empfindlich, wenn mich seine Bemerkungen verletzten. Am Ende war ich müder gewesen als traurig. Seitdem hatte ich meine Ruhe durchaus genossen. „Mir fehlt nichts“, sagte ich. Sophie sah mich an, als wüsste sie genau, dass das nicht ganz stimmte. Zum Glück ließ sie das Thema fallen, als Leon uns ein Zeichen gab. Die Auktion ging in die nächste Runde, und für private Gespräche blieb ohnehin keine Zeit. Ich dachte danach eine ganze Weile nicht mehr an Florian Falk. Zumindest versuchte ich es. Um 22:04 Uhr erhielt ich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Guten Abend, Frau Winter. Wir haben eine Rückfrage zu Ihrer Zugangsberechtigung. Könnten Sie bitte noch einmal in den westlichen Servicebereich kommen? Der Gang ist inzwischen kontrolliert und freigegeben. Darunter stand: Florian Falk. Ich las die Nachricht zweimal. Dass er meine Nummer hatte, war nicht ungewöhnlich. Als Projektleiterin stand ich in sämtlichen Unterlagen. Trotzdem fand ich es bemerkenswert, dass er sich persönlich meldete. Ich schrieb zurück, dass ich in wenigen Minuten kommen würde, informierte Sophie und machte mich auf den Weg. Der Servicebereich war inzwischen deutlich ruhiger. Aus der Küche hörte ich Geschirr klappern, irgendwo lief Wasser. Der westliche Gang war wieder geöffnet, allerdings stand vor dem alten Verbindungstrakt weiterhin ein Sicherheitsmitarbeiter. Florian wartete in einem kleinen Büro, dessen Tür offen stand. Auf dem Tisch lagen mehrere Ausdrucke neben einem Laptop. Er hatte die Ärmel seines Hemdes noch immer hochgeschoben und betrachtete gerade eine Liste auf dem Bildschirm. Als ich anklopfte, sah er auf. „Mara. Danke, dass Sie gekommen sind.“ „Kein Problem. Ich hoffe nur, dass ich diesmal nicht wieder eine Stunde auf einen funktionierenden Servicegang warten muss.“ „Der ist freigegeben. Es gibt allerdings etwas anderes, das wir klären müssen.“ Sein Tonfall war sachlich, aber ich bemerkte sofort, dass er sich anders verhielt als bei unserer ersten Begegnung. Er war konzentrierter, und das kleine Lächeln von vorhin war verschwunden. Er deutete auf den freien Stuhl. Ich setzte mich und stellte meine Tasche neben meine Füße ab. „Wir haben die Zutrittsprotokolle erhalten“, erklärte er. „Die Tür W-17 wurde um 21:06 Uhr mit einer temporären Berechtigung geöffnet. Diese Berechtigung wurde heute Abend neu angelegt.“ „Also hatte der Mann doch eine Zugangskarte?“ „Möglicherweise. Wir wissen noch nicht, ob die Freigabe über eine physische Karte oder eine andere hinterlegte Kennung genutzt wurde. Entscheidend ist zunächst, wer sie beantragt hat.“ Er schob mir einen Ausdruck zu. Ich beugte mich darüber und betrachtete die Tabelle. Die meisten Angaben sagten mir nichts. Erst als Florian mit dem Finger auf die letzte Spalte deutete, verstand ich, worauf er hinauswollte. Dort stand mein vollständiger Name. Mara Louise Winter. Darunter befand sich eine Kennung, die zu meinem Benutzerkonto im Veranstaltungsportal gehörte. Ich las die Zeile noch einmal. „Das muss ein Fehler sein.“ „Die Berechtigung wurde um 18:42 Uhr über Ihr Konto beantragt“, sagte Florian. „Waren Sie zu diesem Zeitpunkt bereits im Hotel?“ „Seit vier Uhr. Aber ich habe keinen solchen Antrag gestellt.“ „Können Sie sich erinnern, wo Sie um 18:42 Uhr waren?“ Ich überlegte. Die letzten Stunden waren eine einzige Abfolge aus Telefonaten, Besprechungen und kleinen Katastrophen gewesen. Trotzdem erinnerte ich mich an die technische Abstimmung kurz vor sieben. „Im Ballsaal. Wir haben den Ablauf für die Bühne besprochen. Leon war dabei, Sophie und zwei Techniker vom Hotel.“ „Gut. Das können wir überprüfen.“ Seine ruhige Reaktion überraschte mich. Ich hatte erwartet, dass er mich weiter ausfragen oder zumindest skeptisch ansehen würde. Stattdessen notierte er die Namen und fragte nach meinem Laptop, meinem Tablet und den Personen, die möglicherweise Zugang zu meinem Benutzerkonto hatten. Ich erklärte ihm, dass ich meinen Laptop gelegentlich im Produktionsbüro stehen ließ, wenn ich im Saal gebraucht wurde. Er war passwortgeschützt, ebenso mein Tablet. Sophie kannte einige gemeinsame Zugangscodes für Veranstaltungsunterlagen, aber nicht mein persönliches Passwort. Während ich sprach, fiel mir etwas auf. „Moment. Ich kann solche Berechtigungen gar nicht selbst freischalten.“ „Was genau können Sie über das Portal beantragen?“ „Zugänge für Dienstleister, Lieferanten und zusätzliches Personal. Aber die Freigabe erfolgt über das Hotel. Wenn ich beispielsweise einen Techniker für einen gesperrten Bereich anmelden will, muss das jemand genehmigen.“ Er betrachtete den Ausdruck erneut. „Das würde bedeuten, dass entweder eine zweite Berechtigung vorlag oder jemand die Freigabe außerhalb des üblichen Ablaufs erteilt hat.“ „Also hat jemand meinen Namen benutzt.“ „Das ist eine Möglichkeit. Wir werden die zugehörigen Systemprotokolle prüfen.“ Ich lehnte mich zurück und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bis vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, der fremde Mann sei vielleicht irgendein neugieriger Gast gewesen, der eine falsche Tür erwischt hatte. Jetzt stand mein Name in einem Sicherheitsprotokoll, und irgendjemand hatte offenbar meine Zugangsdaten benutzt. Das gefiel mir überhaupt nicht. „Was passiert, wenn sich herausstellt, dass jemand tatsächlich über mein Konto gearbeitet hat?“ „Dann müssen wir feststellen, wie er an den Zugang gekommen ist. Wir sichern die entsprechenden Protokolle, und Sie sollten Ihr Passwort ändern. Am besten gemeinsam mit der zuständigen IT, damit die bisherigen Daten erhalten bleiben.“ „Und bis dahin?“ „Die verdächtige Berechtigung ist deaktiviert. Ihr Konto bekommt vorübergehend eingeschränkte Rechte. Für die laufende Veranstaltung richten wir Ihnen einen kontrollierten Ersatzweg ein.“ „Sie glauben also nicht, dass ich selbst dahinterstecke?“ Florian legte den Stift beiseite. „Ich habe bislang keinen Grund, das anzunehmen.“ „Aber ausschließen können Sie es auch nicht.“ „Nein. Dafür kenne ich die Umstände noch nicht gut genug.“ Ich sah ihn an und musste widerwillig lächeln. „Sie sind wirklich nicht der Typ für beruhigende Antworten.“ „Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Ihnen etwas erzähle, das ich nicht weiß?“ „Nein“, gab ich zu. „Eigentlich nicht.“ Er nickte, als wäre die Sache damit erledigt, und wandte sich noch einmal seinem Laptop zu. Ich nutzte den Moment, um ihn unauffällig zu betrachten. Aus der Nähe fielen mir die kleinen Linien an seinen Augen auf, die man auf den ersten Blick kaum sah. Er wirkte nicht müde, obwohl es inzwischen spät war. Eher wie jemand, der gelernt hatte, auch nach einem langen Tag aufmerksam zu bleiben. An seinem linken Handgelenk trug er eine schlichte dunkle Uhr. Kein auffälliges Schmuckstück, kein teures Statussymbol. Auch sonst wirkte nichts an ihm darauf ausgelegt, Eindruck zu machen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er mir auffiel. „Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte ich. „Natürlich.“ „Sind Sie immer so ernst?“ Er sah langsam auf. „Bei Sicherheitsvorfällen meistens.“ „Und wenn Sie nicht arbeiten?“ Sein Blick blieb einen Moment auf mir liegen. Ich konnte nicht sagen, ob er über meine Frage nachdachte oder darüber, warum ich sie stellte. „Kommt darauf an, mit wem ich zusammen bin.“ Ich lächelte. „Das klingt schon fast vielversprechend.“ Zum ersten Mal schien er keine unmittelbare Antwort zu haben. Dann lehnte er sich leicht zurück. „Flirten Sie gerade mit mir, Mara?“ Ich hätte behaupten können, dass er sich das einbildete. Vermutlich wäre das sogar vernünftig gewesen. Stattdessen erwiderte ich seinen Blick und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht bin ich einfach nur neugierig.“ „Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch.“ Ich lachte leise. Der Mann war also doch nicht vollkommen humorlos. Er zeigte es nur selten genug, dass man jedes Mal ein wenig überrascht wurde. „Gut zu wissen.“ Florian lächelte kurz, bevor er den Ausdruck zusammen mit den anderen Unterlagen in eine Mappe legte. „Für heute habe ich keine weiteren Fragen. Morgen wird sich jemand wegen der Zugangsdaten bei Ihnen melden.“ Ich stand auf und nahm meine Tasche. „Dann hoffe ich, dass wir das schnell klären können. Ich habe nämlich nicht vor, wegen einer Tür meinen Job zu verlieren.“ „Dafür gibt es nach dem bisherigen Stand keinen Anlass.“ „Das ist vermutlich das Beruhigendste, was Sie heute zu mir gesagt haben.“ Er begleitete mich zur Tür. Auf dem Gang war es still geworden. Nur aus der Ferne hörte man die Musik aus dem Ballsaal. „Mara?“ „Falls Ihnen noch etwas zu dem Zeitpunkt einfällt, zu dem die Berechtigung angelegt wurde, rufen Sie mich bitte an.“ „Sie könnten mir auch einfach Ihre Nummer geben.“ Ich hob mein Handy. „Für berufliche Rückfragen natürlich.“ „Sie haben meine Nummer bereits.“ „Stimmt.“ Ich betrachtete das Display, als müsste ich das erst überprüfen. „Wie praktisch.“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf, und ich musste grinsen. Es war ein seltsames Gefühl. Vor einer Stunde hatte ich diesen Mann noch nicht gekannt. Jetzt stand ich vor ihm und wollte das Gespräch eigentlich nicht beenden. Dabei wusste ich fast nichts über ihn. Nur seinen Namen, seinen Beruf und die Tatsache, dass er offenbar ziemlich gut darin war, mich mit wenigen Worten aus dem Konzept zu bringen. „Gute Nacht, Herr Falk.“ „Gute Nacht, Mara.“ Ich ging den Gang entlang und war schon fast an der nächsten Tür, als ich hinter mir das leise Vibrieren eines Handys hörte. Normalerweise hätte ich nicht darauf geachtet. Aber als ich mich noch einmal umdrehte, stand Florian mitten im Korridor und betrachtete sein Display. Er bewegte sich nicht. Das allein wäre mir vermutlich nicht aufgefallen. Was mich stutzig machte, war sein Gesicht. Die freundliche Andeutung eines Lächelns war verschwunden. Sein Kiefer hatte sich angespannt, und in seinen Augen lag plötzlich etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann sperrte er sein Handy und steckte es weg. „Ist etwas passiert?“, fragte ich. „Nichts, worum Sie sich kümmern müssen.“ Ich blieb stehen. „Das klang jetzt nicht besonders überzeugend.“ „Es betrifft einen anderen Auftrag.“ Vielleicht stimmte das. Vielleicht auch nicht. Ich kannte ihn nicht gut genug, um es beurteilen zu können. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sich gerade etwas verändert hatte. „Dann hoffe ich, dass es nichts Schlimmes ist.“ Florian betrachtete mich einen Moment, als hätte er mit dieser Antwort nicht gerechnet. „Danke.“ Mehr sagte er nicht. Ich verabschiedete mich und ging zurück zum Ballsaal. Hinter der nächsten Tür schlug mir wieder das Stimmengewirr der Gäste entgegen. Die Auktion war inzwischen beendet, das Servicepersonal begann mit dem letzten Getränkedurchgang, und Leon winkte mich bereits zu sich. Mein Abend war also noch lange nicht vorbei. Während ich zu ihm ging, dachte ich an die manipulierte Zugangsberechtigung. An meinen Namen auf dem Ausdruck. An den fremden Mann, der offenbar problemlos in einen gesperrten Gebäudeteil gelangt war. Und an Florian Falk, der eine Nachricht bekommen hatte, die ihm ganz offensichtlich nicht gefiel. Noch wusste ich nicht, ob überhaupt etwas davon zusammenhing. Vielleicht auch gar nichts. Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los, dass dieser Sicherheitsvorfall mehr war als eine unglückliche Panne. Als ich mein Tablet wieder einschaltete, erschien die nächste Aufgabe auf meinem Ablaufplan. Ich zwang mich, mich darauf zu konzentrieren. Morgen würde ich mich um die Zugangsdaten kümmern. Heute musste ich nur noch dafür sorgen, dass die letzten Gäste zufrieden nach Hause gingen. Als ich mein Tablet ausschaltete, stand Florians Name noch auf meiner Kontaktliste. Wir hatten noch zwei offene Punkte zur nächsten Veranstaltung. Ich öffnete seine Kontaktdaten trotzdem erst, nachdem ich den Arbeitsbericht abgeschickt hatte.
Kapitel 2 – Fünf Regeln
FLORIAN
Die Nachricht war von einer unbekannten Nummer gekommen. Du hast damals schon die falsche Person beschützt. Ich las die Nachricht noch einmal und vergrößerte den Absender. Keine Nummer, die ich zuordnen konnte. Sieben Jahre. So lange hatte niemand mehr diese Worte benutzt. Ich stand noch immer im westlichen Servicegang des Falkenried, als hinter mir eine Tür zufiel. Aus dem Ballsaal drang gedämpfte Musik, irgendwo wurde Geschirr abgeräumt. Für die meisten Menschen in diesem Hotel ging ein gewöhnlicher Abend zu Ende. Für mich war er gerade erheblich komplizierter geworden. Ich machte einen Screenshot der Nachricht, sicherte die Nummer und leitete beides an Jonas weiter. Dann rief ich ihn an. Er meldete sich nach dem vierten Klingeln. „Wenn du mir jetzt sagst, dass wir noch einen Auftrag übernehmen sollen, kündige ich.“ „Bist du im Büro?“ „Nein, Florian. Ich sitze zu Hause und versuche, mir einzureden, dass ich ein Privatleben habe.“ „Kannst du dich an einem Rechner anmelden?“ „Was ist passiert?“ „Ich habe eine Nachricht bekommen. Die Nummer und den Text habe ich dir geschickt. Prüfe bitte, was du dazu herausfinden kannst.“ „Worum geht es?“ Ich sah zur Tür W-17. Der Sicherheitsmitarbeiter, der davor stand, sprach gerade mit einem Kollegen. „Vanguard.“ Am anderen Ende wurde es still. Jonas und ich kannten uns seit elf Jahren. Wir hatten gemeinsam gearbeitet, gestritten, eine Firma gegründet und Nächte durchgemacht, in denen keiner von uns gewusst hatte, ob wir die nächsten Gehälter bezahlen konnten. Er gehörte zu den wenigen Menschen, denen ich Dinge sagen konnte, ohne sie anschließend erklären zu müssen. Dass er jetzt schwieg, gefiel mir nicht. „Bist du noch dran?“ „Ja.“ Ich hörte, wie er sich bewegte. „Ich fahre ins Büro.“ „Du kannst das auch von zu Hause aus machen.“ „Ich weiß. Aber ich will mir die alten Unterlagen ansehen.“ „Welche alten Unterlagen?“ „Die, die wir aufgehoben haben.“ Ich schloss kurz die Augen. „Jonas.“ „Was?“ „Wir haben damals vereinbart, nichts aus den alten Systemen in unsere Firma zu übernehmen.“ „Und das haben wir auch nicht. Ich rede von unseren eigenen Aufzeichnungen.“ Ich schwieg. Jonas hatte recht. Es gab einige Unterlagen, die wir aus rechtlichen Gründen aufbewahrt hatten. Korrespondenz, Vertragskopien und die Dokumentation unseres Ausscheidens bei Vanguard Protection. Nichts davon hätte allerdings ausreichen dürfen, um diese Nachricht zu erklären. „Ich bin in zwanzig Minuten da“, sagte er. „Wie lange bleibst du noch im Hotel?“ „Bis wir wissen, was mit dem Zugang passiert ist.“ „Florian?“ „Ja?“ „Ruf mich an, bevor du irgendetwas Unüberlegtes machst.“ „Das war eigentlich immer dein Spezialgebiet.“ „Stimmt. Und ich erkenne Konkurrenz, wenn ich sie höre.“ Ich beendete das Gespräch, ohne darauf zu antworten. Jonas wusste, dass ich nicht zu unüberlegten Entscheidungen neigte. Zumindest nicht im beruflichen Alltag. Er wusste allerdings auch, dass es Dinge gab, bei denen ich weniger vernünftig handelte, als ich mir selbst eingestand. Vanguard gehörte dazu. Im kleinen Büro des Falkenried lag der Ausdruck mit Maras Namen noch auf der Tastatur. Um 18:42 Uhr hatte jemand über ihr Konto einen Zugang zu W-17 beantragt, wenige Sekunden später hatte ein administrativer Benutzer ihn bestätigt. Um 21:06 Uhr war die Tür geöffnet worden. Drei Einträge, die zusammen einen Vorgang bildeten, aber noch keinen Täter. Ich verglich die Anmeldedaten. Das Konto war aus dem Hotelnetzwerk verwendet worden; welches Gerät dahinterstand, musste die IT erst zuordnen. Maras Aufenthaltsort um diese Zeit ließ sich durch mehrere Kollegen bestätigen. Das machte sie nicht automatisch zur Unbeteiligten, gab aber einen guten Grund, ihren Namen nicht vorschnell mit dem Zugriff gleichzusetzen. Herr Behrens kam mit zwei Bechern Kaffee herein. Er stellte einen vor mich und sah sich die Tabelle an. „Sie haben wohl noch eine längere Nacht vor sich.“ „Nur so lange, bis ich weiß, welche Fragen wir morgen stellen müssen.“ Wir gingen den Weg des Unbekannten durch. Dunkle Jacke, kein erkennbarer Mitarbeiterausweis, gegen neun Uhr am Servicebereich vorbei. Der Mann hatte W-17 benutzt und war verschwunden, bevor der Sicherheitsdienst den Verbindungstrakt vollständig kontrollieren konnte. Behrens zeigte mir den Plan: Im alten Gebäudeteil gab es einen Ausgang zum Wirtschaftshof, von innen als Fluchtweg nutzbar. „Kameras?“, fragte ich. „Im Trakt selbst nicht mehr. Aber am Wirtschaftshof.“ Ich bat darum, die Aufnahmen des betreffenden Zeitraums unverändert zu sichern. Dass der Mann dort vorbeigekommen sein musste, war noch nicht bewiesen. „Wer kann eine solche Freigabe bestätigen?“ Behrens nannte die Haustechnik, zwei Mitarbeiter der IT, sich selbst und einen externen Dienstleister. Ich ließ mir die Dienstpläne geben und notierte die Namen. Gerade die allgemeinen Konten mussten überprüft werden: Wenn jeder unter derselben Kennung arbeitete, konnte ein System zwar festhalten, dass jemand eine Tür geöffnet hatte – aber nicht unbedingt, wer. Als Behrens ging, blickte ich auf die Nachricht, die kurz zuvor eingegangen war: Du hast damals schon die falsche Person beschützt. Ich wollte beides verbinden. Die Tür und Tobias. Die Hotelkennung und eine sieben Jahre alte Schuld. Doch zwischen zwei passenden Einzelheiten lag noch kein Beweis. Ich speicherte den Vorgang und schloss den Laptop. Für die Nacht hatte ich genug Material, um am Morgen richtig weiterzufragen. Es wäre leicht gewesen, beides miteinander zu verbinden. Eine manipulierte Zutrittsberechtigung, eine alte Formulierung aus meiner Vergangenheit und ein Auftrag in einem Hotel, das ich erst seit wenigen Tagen betreute. Vielleicht hatte aber auch jemand einen gewöhnlichen Sicherheitsvorfall genutzt, um mir eine Nachricht zu schicken, die mich aus dem Gleichgewicht bringen sollte. Ich mochte keine voreiligen Schlussfolgerungen. Vor allem dann nicht, wenn sie zu gut zu passen schienen. Ich verließ das Falkenried kurz vor Mitternacht. Die Straße war nass, vor einem Restaurant zog ein Mann seine Begleiterin unter denselben Regenschirm. Ich wusste nicht, warum ich an diese Bewegung länger dachte als an den ganzen technischen Bericht. Vermutlich, weil ich mir seit Tobias' Tod eingeredet hatte, Nähe sei ein Risiko, das man durch ausreichend Abstand vermeiden konnte. Mara Winter hatte diese Überzeugung in weniger als einer Stunde erschüttert. Sie war direkt, beruflich unbeirrbar und hatte mich ausgerechnet inmitten eines Sicherheitsvorfalls zum Lächeln gebracht. An einer roten Ampel sah ich auf ihren Kontakt in meinem Telefon. Ich hatte keinen dienstlichen Grund, ihr jetzt zu schreiben. Also tat ich es nicht. Dass mir das schwerer fiel als erwartet, beunruhigte mich mehr, als ich zugeben wollte. Unsere Firma, Falk Risk & Security, hatte ihren Sitz in einem renovierten Kontorgebäude in Hamburg. Wir nutzten zwei Etagen, eine davon für die Verwaltung und unsere Besprechungsräume, die andere für technische Auswertungen und die Mitarbeiter, die größere Projekte betreuten. Als wir angefangen hatten, waren wir zu zweit in einem viel zu kleinen Büro gewesen. Der Drucker hatte nur funktioniert, wenn man ihm vorher gut zugeredet hatte, und die Kaffeemaschine war häufiger kaputt als in Betrieb. Inzwischen beschäftigten wir zwölf Mitarbeiter. Die Kaffeemaschine machte allerdings noch immer Probleme. Jonas hatte seine Jacke über die Rückenlehne geworfen und zwei Monitore eingeschaltet. Auf dem einen war die Nachricht geöffnet, auf dem anderen eine Liste mit technischen Informationen. „Du siehst aus, als hättest du einen langen Abend gehabt“, sagte er, ohne aufzusehen. „Du sitzt auf meinem Platz.“ „Und trotzdem funktioniert der Computer.“ Ich stellte meine Tasche ab und zog den zweiten Stuhl heran. Jonas war sechsunddreißig, hatte dunkle Haare und besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst in ernsten Situationen einen Spruch zu machen. Früher hatte mich das gelegentlich wahnsinnig gemacht. Heute wusste ich, dass es seine Art war, mit Druck umzugehen. „Was hast du herausgefunden?“ Er drehte den Bildschirm zu mir. „Die Nummer ist nicht direkt einer Person zuzuordnen. Der Nachrichtenversand lief über einen Dienst, bei dem der angezeigte Absender wenig aussagt. Ich habe die Daten gesichert. Mehr bekommen wir ohne Unterstützung des Anbieters nicht heraus.“ „Also nichts.“ „Nicht nichts. Wir wissen, dass jemand Aufwand betrieben hat, um seine Identität zu verschleiern.“ „Das wusste ich vorher schon.“ Jonas sah mich an. „Dann kannst du mir beim nächsten Mal gern direkt die Lösung schicken. Spart uns beiden Zeit.“ Ich ignorierte den Kommentar und setzte mich. Auf dem zweiten Bildschirm waren einige alte Dokumente geöffnet. Ich erkannte sofort den Briefkopf von Vanguard Protection. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. „Warum hast du die Unterlagen geöffnet?“ „Weil du Vanguard gesagt hast. Und weil der Satz aus der Nachricht verdächtig nah an etwas liegt, das damals gefallen ist.“ „Du weißt, wer ihn gesagt hat?“ Jonas schüttelte den Kopf. „Nicht sicher. Aber ich habe mir die alten Besprechungsnotizen angesehen.“ Er öffnete ein Dokument, das wir beide vor Jahren unterschrieben hatten. Es war die Zusammenfassung einer internen Nachbesprechung, wenige Tage nach dem Vorfall, über den ich seitdem möglichst wenig nachdachte. Ich musste den Text nicht lesen, um zu wissen, was darin stand. Ein fehlgeschlagener Schutzauftrag. Ein Toter. Eine Mitarbeiterin, die anschließend verschwunden war. Und eine Entscheidung, die ich nicht rückgängig machen konnte. „Florian?“ „Du bist gerade ganz woanders.“ „Ich höre zu.“ Jonas lehnte sich zurück. „Dann sag mir, ob du glaubst, dass Voss dahintersteckt.“ Ich antwortete nicht sofort. Adrian Voss war der Mann gewesen, der mir einen Großteil dessen beigebracht hatte, was ich heute über Sicherheitsarbeit wusste. Als ich Anfang zwanzig gewesen war, hatte ich ihn bewundert. Er war intelligent, überzeugend und in jeder Situation scheinbar einen Schritt voraus. Damals hatte ich das für Kompetenz gehalten. Heute wusste ich, dass Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen immer vorbereitet sein konnten. „Es wäre möglich“, sagte ich schließlich. „Das ist keine Antwort.“ „Mehr habe ich im Moment nicht.“ Jonas fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Seit sieben Jahren haben wir nichts mehr mit ihm zu tun. Warum sollte er ausgerechnet jetzt wieder anfangen?“ „Vielleicht hat sich etwas verändert.“ „Was denn?“ „Das versuche ich herauszufinden.“ Er sah mich lange an. Dann stand er auf, ging zur kleinen Küchenzeile und kam mit einer Wasserflasche zurück. „Es gibt noch etwas.“ „Der Auftrag im Falkenried“, sagte er. „Ich habe mir vorhin die Unterlagen angesehen, die heute Nachmittag gekommen sind.“ „Welche Unterlagen?“ „Die Ergänzung zum Rahmenvertrag für eine zweite Benefizveranstaltung im Falkenried am kommenden Freitag.“ Ich runzelte die Stirn. „Wir haben noch keine endgültige Zusage erteilt.“ „Ich weiß. Deshalb habe ich auch nichts unterschrieben.“ Er öffnete eine E-Mail und zeigte mir den Anhang. Die Anfrage kam von einer Beratungsfirma, die mehrere Hotels und Veranstaltungsorte betreute. Falk Risk & Security sollte die Sicherheitsabläufe für eine größere Benefizgala überprüfen und bei der Veranstaltung selbst die Koordination unterstützen. Das war grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Wir übernahmen regelmäßig solche Aufträge. Ungewöhnlich war allerdings der Umfang. „Die wollen eine vollständige Risikoanalyse, eine Überprüfung der Zutrittssysteme und unsere Anwesenheit während der Veranstaltung“, sagte Jonas. „Für einen Auftrag, der in einer Woche stattfinden soll, ist das ziemlich kurzfristig.“ Ich überflog die Angaben. „Vielleicht haben sie Probleme mit ihrem bisherigen Dienstleister.“ „Möglich. Aber schau dir die Liste der beteiligten Unternehmen an.“ Er deutete auf den unteren Teil der Seite. Zwischen den Namen verschiedener Dienstleister stand eine Firma, die ich kannte. Voss Strategic Consulting. Ich las den Namen ein zweites Mal. Jonas beobachtete mich. „Die sind als externer Berater für das Veranstaltungsnetzwerk aufgeführt. Nicht als direkter Auftraggeber, aber sie haben offenbar Einfluss auf die Sicherheitsplanung.“ Der Zufall war nicht unmöglich. Hamburg war groß, aber die Branche überschaubar. Voss arbeitete seit Jahren mit wohlhabenden Privatkunden, Unternehmen und exklusiven Veranstaltern. Dass sein Name irgendwo in den Unterlagen eines Hotels auftauchte, war für sich genommen kein Beweis. Trotzdem gefiel mir die Kombination nicht. Eine Nachricht, die auf einen sieben Jahre alten Vorfall anspielte. Ein ungewöhnlicher Zugang zu einem gesperrten Gebäudeteil. Und ein neuer Auftrag, bei dem ausgerechnet Adrian Voss wieder auftauchte. Jonas verschränkte die Arme. „Sag mir bitte, dass wir den Auftrag ablehnen.“ „Noch nicht.“ Er stieß hörbar die Luft aus. „Natürlich nicht.“ „Wenn Voss dahintersteckt, will ich wissen, was er vorhat.“ „Und wenn er nicht dahintersteckt?“ „Dann ist es ein gewöhnlicher Auftrag.“ „Du hörst dir manchmal selbst nicht zu, oder?“ Ich drehte mich zu ihm. „Was würdest du machen?“ „Den Auftrag ablehnen, die Nachricht dokumentieren und morgen einen Anwalt anrufen, falls noch etwas kommt.“ Das war eine vernünftige Vorgehensweise. „Wir sagen noch nicht zu“, entschied ich. „Ich will erst die übrigen Unterlagen sehen und mit dem Auftraggeber sprechen. Außerdem müssen wir wissen, was heute im Falkenried passiert ist.“ „Gut. Damit kann ich leben.“ Er klappte den Laptop zu und sah auf die Uhr. „Ich fahre nach Hause. Wenn ich noch länger bleibe, bekomme ich Ärger.“ „Mit wem?“ „Mit meiner Frau. Du erinnerst dich vielleicht. Die Frau, die ich geheiratet habe.“ „Dunkle Haare, ziemlich geduldig?“ „Genau die. Wobei die Geduld in letzter Zeit nachlässt.“ Ich stand ebenfalls auf. „Grüß sie von mir.“ „Mach ich. Und du solltest auch mal wieder etwas anderes machen als arbeiten.“ „Ich war heute auf einer Veranstaltung.“ Jonas blieb in der Tür stehen. „Als Sicherheitsberater, Florian. Das zählt nicht.“ „Gute Nacht, Jonas.“ „Nacht. Und tu mir einen Gefallen.“ „Welchen?“ „Fahr nach Hause, bevor du wieder irgendeinen Blödsinn anfängst.“ Dann öffnete ich die Unterlagen erneut. Es war fast ein Uhr, als ich die Datei mit den alten Einsatzberichten fand. Sie lag in einem gesicherten Ordner, den wir seit Jahren nicht mehr geöffnet hatten. Nicht, weil die Unterlagen unwichtig gewesen wären. Sondern weil es Dinge gab, die man irgendwann nicht mehr jeden Tag vor Augen haben wollte. Ich gab das Passwort ein und öffnete die Übersicht. Sieben Jahre zuvor hatte ich bei Vanguard Protection gearbeitet. Ich war achtundzwanzig gewesen, ehrgeizig und überzeugt davon, dass sich fast jedes Problem lösen ließ, wenn man nur gut genug vorbereitet war. Adrian Voss hatte diese Überzeugung gefördert. Er hatte mir beigebracht, Situationen zu analysieren, Risiken frühzeitig zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, bevor andere überhaupt bemerkten, dass eine Entscheidung notwendig war. Aus dieser Zeit stammten auch die fünf Regeln. Wir hatten sie intern FALK FIVE genannt, zunächst halb im Scherz. Ich hatte sie für unsere Schutzteams formuliert, nachdem bei mehreren Einsätzen vermeidbare Fehler passiert waren. Die Regeln sollten jungen Mitarbeitern helfen, unter Druck einen klaren Kopf zu behalten. Die erste lautete: Halte Abstand. Nicht im körperlichen Sinn. Es ging darum, persönliche Nähe zu Auftraggebern nicht mit professioneller Verantwortung zu verwechseln. Wer einen Menschen beschützen sollte, musste Entscheidungen treffen können, die nicht von Zuneigung, Angst oder Schuld beeinflusst wurden. Die zweite Regel lautete: Vertraue niemandem blind. Die dritte: Zeige niemals, was du fürchtest. Die vierte: Verhandle nicht mit dem Leben eines anderen. Ich hatte die Formulierungen damals für eindeutig gehalten. Heute wusste ich, dass Menschen dieselben Worte sehr unterschiedlich verstehen konnten. Vor allem, wenn sie sie für ihre eigenen Zwecke benutzten. Ich öffnete die letzte Seite des Dokuments. Regel fünf: Wähle niemals einen Menschen über deine Pflicht. Als ich schließlich zu Hause war, rief Elena an. Sie wollte wissen, ob ich am Sonntag zu unseren Eltern kommen würde. Ich hatte bereits zweimal abgesagt und suchte nach einer dritten Ausrede, als sie mir zuvorkam. „Es ist ein Mittagessen, Flo. Keine Einsatzbesprechung.“ „Ich weiß nicht, wie lange der Auftrag läuft.“ „Dann komm später. Aber komm.“ Ich hielt an einer roten Ampel und sah zu den Menschen auf dem Gehweg. Ein Mann balancierte eine Papiertüte, während seine Tochter versuchte, seine freie Hand zu erwischen. Er ließ sich schließlich die Tüte unter den Arm schieben und nahm ihre Finger. Es sah mühelos aus. „Du klingst anders“, sagte Elena. „Ich habe einen alten Namen wieder gehört. Voss.“ Die Stille am anderen Ende war neu. Elena wusste, wie sehr ich die Jahre bei Vanguard aus unserem Familienleben herausgehalten hatte. „Das ist der Mann, von dem du nach Tobias' Tod nicht mehr gesprochen hast?“ „Ja.“ „Und du versuchst wieder, alles allein zu regeln?“ Ich sah auf die Ampel. „Ich habe Jonas eingeschaltet.“ „Das ist ein Anfang. Kein Freispruch.“ Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich lachen. Sie wartete, bis ich sagte, dass ich Sonntag kommen würde. Erst dann legte sie auf. Die Nachricht über Tobias hatte sie mir nicht ausreden können; sie hatte es auch gar nicht versucht. Sie hatte nur dafür gesorgt, dass neben der Vergangenheit noch jemand auf mich wartete. Am nächsten Morgen war ich um sechs Uhr wach. Ich hatte schlecht geschlafen, aber das war nichts Neues. Nach schwierigen Einsätzen brauchte mein Kopf manchmal länger, um zur Ruhe zu kommen. Ich ging eine halbe Stunde laufen, duschte und setzte Kaffee auf. Um kurz nach sieben hatte ich bereits drei E-Mails beantwortet und den Bericht zum Vorfall im Falkenried begonnen. Die Hotelsicherheit hatte die relevanten Kameraaufnahmen inzwischen gesichert. Die IT prüfte, ob sich die temporäre Berechtigung einem konkreten Gerät zuordnen ließ. Bis zum Nachmittag sollten erste Ergebnisse vorliegen. Ich saß am Küchentisch, als eine Nachricht von Mara einging. Guten Morgen, Herr Falk. Mein Laptop ist inzwischen bei der IT. Falls Sie heute noch etwas brauchen, bin ich ab zehn Uhr im Büro. Und keine Sorge: Ich habe über Nacht keine weiteren Hoteltüren geöffnet. Ich las die Nachricht und musste lächeln. Sie hatte offensichtlich beschlossen, den Vorfall mit Humor zu nehmen. Das war vermutlich gesünder, als sich den ganzen Morgen darüber aufzuregen. Ich antwortete: Guten Morgen, Mara. Danke für die Information. Ich melde mich, sobald wir die Protokolle ausgewertet haben. Und ich bin froh, dass Sie Ihre nächtlichen Ausflüge auf ein Minimum beschränken. Die Antwort kam kaum eine Minute später. Das klingt fast so, als hätten Sie Humor. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Dann hoffe ich, dass ich das irgendwann noch einmal erleben darf. Es wäre einfach gewesen, etwas darauf zu erwidern. Ein harmloser Satz, vielleicht eine kleine Bemerkung über unser Gespräch am Vorabend. Stattdessen legte ich das Handy zur Seite. Mara war die Ansprechpartnerin eines laufenden Auftrags. Ihre Zugangsdaten standen im Mittelpunkt eines Sicherheitsvorfalls. Und möglicherweise hatte jemand sie bewusst in eine Sache hineingezogen, deren Hintergründe wir noch nicht kannten. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihr zu flirten. Auch wenn ich zugeben musste, dass ich es gern getan hätte. Ich öffnete meinen Kalender und überprüfte die Termine für den Tag. Um neun Uhr hatte ich eine interne Besprechung. Um elf wollte ich mit dem technischen Leiter des Falkenried sprechen. Für den Nachmittag war ein Telefonat mit dem Auftraggeber der Benefizgala vorgesehen. Diesen letzten Termin betrachtete ich länger. Der Name Adrian Voss tauchte in den Unterlagen auf, allerdings nicht als direkter Ansprechpartner. Ich konnte den Auftrag ablehnen und hoffen, dass die Nachricht ein schlechter Scherz gewesen war. Oder ich konnte herausfinden, warum Voss plötzlich wieder in meinem beruflichen Umfeld auftauchte. Ich wusste, welche Entscheidung Jonas bevorzugte. Trotzdem schrieb ich ihm eine Nachricht. Bitte bereite die Unterlagen für die Gala vor. Wir prüfen den Auftrag. Zusage erst nach meinem Gespräch mit dem Kunden. Er antwortete nach wenigen Sekunden. Du machst mich fertig. Guten Morgen dir auch. Kurz vor acht Uhr klingelte mein Telefon erneut. Diesmal war die Nummer unterdrückt. Ich ließ es zweimal klingeln, bevor ich ranging. „Falk.“ Zunächst hörte ich nur ein leises Rauschen. Dann meldete sich eine Männerstimme. „Guten Morgen, Florian.“ Ich kannte diese Stimme. Es gab Menschen, die man nach sieben Jahren nicht mehr auf Anhieb erkannt hätte. Adrian Voss gehörte nicht dazu. Er sprach noch immer mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, die ich früher bewundert hatte. „Adrian.“ „Schön, dass du dich erinnerst.“ Ich stellte die Kaffeetasse ab. „Was willst du?“ Er lachte leise. „Immer noch so direkt. Manche Dinge ändern sich offenbar nie.“ Ich sagte nichts. „Ich habe gehört, dass du inzwischen eine ziemlich erfolgreiche Firma führst“, fuhr er fort. „Zwölf Mitarbeiter, mehrere größere Kunden. Nicht schlecht.“ „Du hast sicher nicht angerufen, um mir zu gratulieren.“ „Nein. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob du die Unterlagen für die Gala erhalten hast.“ „Du bist also beteiligt.“ „Natürlich. Wir beraten den Veranstalter schon seit einiger Zeit.“ „Warum steht dein Name nicht als Ansprechpartner im Vertrag?“ „Weil ich nicht dein Auftraggeber bin. So kompliziert ist das nicht.“ Er klang amüsiert. Ich erinnerte mich nur zu gut an diese Art, Fragen zu beantworten, ohne wirklich etwas zu erklären. „Dann gibt es keinen Grund für dieses Gespräch.“ „Vielleicht doch.“ Ich hörte im Hintergrund Schritte, dann das Geräusch einer Tür, die geschlossen wurde. „Du hast gestern Abend im Falkenried gearbeitet“, sagte Voss. „Ja.“ „Interessanter Vorfall mit dieser alten Zugangstür.“ „Woher weißt du davon?“ „Florian, ich bin an der Sicherheitsplanung beteiligt. Natürlich werde ich informiert, wenn jemand unberechtigt einen gesperrten Gebäudeteil betritt.“ Das war eine plausible Erklärung. Sie gefiel mir trotzdem nicht. „Dann weißt du auch, dass wir den Vorfall untersuchen.“ „Und genau deshalb wollte ich mit dir sprechen. Es wäre schade, wenn wegen eines kleinen Zwischenfalls unnötige Unruhe entsteht.“ „Ein unbefugter Zutritt ist kein kleiner Zwischenfall.“ „Das kommt auf die Umstände an.“ Ich lehnte mich zurück und betrachtete die Uhr an der Küchenwand. Es war 07:58 Uhr. „Wenn du Informationen hast, die uns bei der Untersuchung helfen, kannst du sie meinem Büro schicken.“ „So förmlich? Nach allem, was wir zusammen erlebt haben?“ „Was wir zusammen erlebt haben, ist sieben Jahre her.“ „Manche Dinge bleiben länger.“ Voss ließ sich Zeit, bevor er weitersprach. „Ich würde mich freuen, wenn du den Galaauftrag übernimmst. Du warst immer einer meiner besten Leute.“ „Ich arbeite nicht mehr für dich.“ „Das habe ich auch nicht behauptet. Aber wir könnten durchaus wieder einmal auf derselben Seite stehen.“ Ich sah aus dem Fenster. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, und auf der Straße fuhren die ersten Lieferwagen vorbei. „Ich werde die Unterlagen prüfen“, sagte ich. „Mehr kann ich dir nicht sagen.“ „Natürlich. Lass dir Zeit.“ Er machte eine kurze Pause. „Und Florian?“ Ich antwortete nicht. „Ich hoffe, du hast inzwischen gelernt, dass man nicht jeden Menschen beschützen kann.“ Dann sagte ich: „Wenn du mir etwas sagen willst, dann sag es.“ „Wir sehen uns.“ Die Verbindung wurde beendet. Ich hielt das Telefon noch einige Sekunden am Ohr, bevor ich es langsam sinken ließ. Adrian Voss hatte mich angerufen. Er wusste vom Vorfall im Falkenried. Und er hatte einen Satz benutzt, der verdächtig nah an der Nachricht vom Vorabend lag. Das reichte nicht, um ihm irgendetwas nachzuweisen. Aber es reichte, um sicher zu sein, dass ich den Galaauftrag nicht mehr wie eine gewöhnliche Anfrage behandeln konnte. Ich öffnete den Bericht über den Sicherheitsvorfall und ergänzte eine Notiz zu dem Telefonat. Danach leitete ich die Information an Jonas weiter. Seine Antwort kam sofort. Bitte sag mir, dass du jetzt endlich ablehnst. Dann öffnete ich die Liste der Ansprechpartner für die Gala. Ganz oben stand ein Name. Mara Louise Winter. Ich erinnerte mich an ihre hellblauen Augen, an ihr Lachen und an die Art, wie sie gestern versucht hatte, mich aus der Reserve zu locken. Sie hatte keine Ahnung, wer Adrian Voss war. Zumindest ging ich davon aus. Und ich wollte, dass es so blieb, bis ich wusste, was hier tatsächlich vor sich ging. Ich schrieb Jonas zurück: Noch nicht. Ich will zuerst wissen, warum Voss mich unbedingt dabeihaben möchte. Dann legte ich das Handy weg und blickte erneut auf den Namen auf dem Bildschirm. Mara Winter. Es wäre besser gewesen, mich von ihr fernzuhalten. Nicht wegen ihres Lächelns oder weil sie mir gefiel. Sondern weil jemand begonnen hatte, Fragen zu stellen, die seit sieben Jahren niemand mehr gestellt hatte. Ich wusste nicht, ob Mara zufällig zwischen die Fronten geraten war – oder ob jemand längst dafür gesorgt hatte, dass wir uns begegneten.
NICHT UNGEPRÜFT ÖFFENTLICH VERÖFFENTLICHEN. Dieser originale explizite Romanausschnitt ist für eine gesonderte Jugendschutz- und Plattformprüfung vorgesehen. Eine bloße 18+-Warnung stellt keine Altersverifikation dar.
AFTER DARK – BONUSAUSZUG AUS KAPITEL 9
MARA
Ich legte eine Hand an seine Brust. „Florian?“ „Ja?“ „Möchten Sie noch mit reinkommen?“ Ich bemerkte, dass er nachdachte. Dieser Mann dachte vermutlich selbst dann nach, wenn er sich nur entscheiden musste, welche Zahnpasta er kaufen wollte. „Mara ...“ „Sie müssen nicht.“ „Ich möchte.“ „Dann kommen Sie.“ In meiner Wohnung war es ruhig. Ich stellte meine Tasche auf die Kommode und zog die Schuhe aus. Florian blieb zunächst im Flur stehen und betrachtete die Einrichtung. „Schön haben Sie es hier.“ „Danke.“ Meine Wohnung war nicht besonders groß, aber ich mochte sie. Helle Wände, ein gemütliches Sofa, viele Bücher und einige Pflanzen, die ich erstaunlicherweise noch nicht umgebracht hatte. Ich ging in die Küche. „Möchten Sie etwas trinken?“ „Wasser wäre gut.“ Ich holte zwei Gläser und stellte sie auf den Tisch. Als ich mich umdrehte, stand Florian im Türrahmen. „Was?“, fragte ich. „Nichts.“ Ich stellte die Wasserflasche ab. „Sie sehen mich schon wieder so an.“ Er kam langsam näher. „Wie?“ „Als würden Sie über etwas nachdenken.“ Er blieb vor mir stehen. „Vielleicht tue ich das.“ „Und worüber?“ Sein Blick wanderte kurz zu meinen Lippen. „Darüber, wie sehr ich Sie küssen möchte.“ „Dann sollten Sie aufhören, darüber nachzudenken.“ Dann legte er eine Hand an meine Taille und küsste mich. Diesmal war der Kuss weniger vorsichtig als zuvor. Ich schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn näher zu mir. Seine Hände ruhten an meinem Rücken, während ich mich gegen ihn lehnte. Als wir uns voneinander lösten, sah Florian mich an. „Mara ...“ Ich legte einen Finger an seine Lippen. „Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass das eine schlechte Idee ist.“ „Das wollte ich nicht.“ Ich nahm die Hand wieder herunter. „Gut.“ „Ich möchte nur sicher sein, dass Sie das wirklich wollen.“ „Ja, Florian. Das will ich.“ Ich nahm seine Hand. „Kommen Sie.“ Ich führte ihn ins Schlafzimmer. Nur die kleine Lampe brannte. Ich drehte mich zu ihm um und zog ihm das Hemd aus dem Hosenbund, Knopf für Knopf. Seine Haut war warm, sein Atem ging schneller, als sein ruhiges Gesicht zugab. „Sie sind erstaunlich geduldig“, sagte ich. „Ich überstürze nichts, was ich nicht mehr rückgängig machen kann.“ „Das hier wollen Sie nicht rückgängig machen.“ „Nein.“ Ich schob ihn aufs Bett und ging vor ihm auf die Knie. Ich öffnete seine Hose, zog sie ihm mit der Boxershorts herunter, und als ich seinen Schwanz in die Hand nahm, hielt er für einen Moment die Luft an. Er war hart und schwer, und ich sah zu ihm hoch, während ich ihn in den Mund nahm. „Mara.“ Seine Hand legte sich in meine Haare, nicht drückend, nur haltend. „Du musst nicht –“ „Ich will.“ Ich ließ mir Zeit, nahm ihn so tief, wie ich konnte, bis sein Kopf nach hinten fiel und er leise fluchte, dieser kontrollierte Mann, dem sonst kein Wort zu viel über die Lippen kam. Erst als sein Atem zu flach wurde, ließ ich ihn los. Er zog mich zu sich hoch und streifte mir das Kleid von den Schultern. Dann drehte er uns um, und seine Lippen fanden meinen Hals, meine Titten, die empfindliche Haut darunter. Er nahm sich Zeit, las jeden Laut, bis ich mich unter ihm wand. Seine Hand strich über die Innenseite meiner Schenkel, zögerte, und ich hob mich ihm entgegen. „Hör auf, so vorsichtig zu sein“, sagte ich. „Fass mich an.“ Als er meine Pussy berührte, entkam mir ein Laut, den ich nicht zurückhalten konnte. Er blieb bei meiner Klit, kreiste, bis ich die Finger ins Laken krallte. Dann schob er einen Finger in mich, einen zweiten, und ich sagte seinen Namen, halb Bitte, halb Vorwurf. „Florian.“ „Ja?“ „Hör auf, mich zu siezen.“ Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte er richtig. „Das fällt mir gerade ohnehin schwer.“ „Dann lass es bleiben. Und fick mich endlich.“ „Gut, Mara.“ Ich zog ihn über mich. Als er sich in mich schob, hielt ich die Luft an. Er war groß, größer, als ich gewohnt war, und ich brauchte einen Moment. Er wartete, die Stirn an meiner, bis ich mich bewegte. Dann stieß er zu. Wir fanden seinen Rhythmus, langsam zuerst, dann tiefer, härter. Ich sah ihn an, die ganze Zeit, und er schloss die Augen nicht, floh nicht, blieb einfach bei mir. „Sag mir, was du willst“, murmelte er an meinem Ohr. „Tiefer“, sagte ich. „Härter. Ich zerbreche nicht.“ Er gab es mir. Er stieß genau dorthin, wo ich ihn brauchte, wieder und wieder, bis ich nur noch Luft holte und seinen Namen stammelte. Ich bog mich ihm entgegen, krallte die Finger in seinen Rücken, und als ich kam, schrie ich es fast, mitten in die Stille der Wohnung. „Komm in mir“, keuchte ich. „Ich will es spüren.“ Das reichte. Seine Beherrschung zerbrach, er stieß ein letztes Mal tief in mich und kam, das Gesicht in meiner Halsbeuge vergraben, und atmete meinen Namen, als wäre es das einzige Wort, das er noch kannte. Danach blieb er, wo er war, das Gewicht halb auf mir, noch in mir, bis unser Atem sich beruhigte. Später lag ich neben Florian und betrachtete die Schatten an meiner Zimmerdecke. Sein Arm lag locker um meine Taille. Durch das leicht geöffnete Fenster kam kühle Nachtluft herein; draußen fuhr ein Auto vorbei. Die Stille zwischen uns war ungewohnt, aber angenehm. Florian lag auf der Seite und sah mich an. „Alles in Ordnung?“, fragte er leise. „Ja.“ Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Gut.“
🖤 Jetzt bist du gefragt!
Du hast die ersten beiden Kapitel von AFTER DARK gelesen – vielleicht sogar schon den zusätzlichen Bonus.
Jetzt würde ich gerne wissen, wie dir mein neues Buchprojekt bisher gefällt.
Bewerte gerne von 1 bis 10:
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Spannung: Hat dich der Einstieg gepackt?
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Schreibstil: Liest sich die Geschichte angenehm und natürlich?
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Mara & Florian: Machen dich die beiden neugierig?
Und die wichtigste Frage:
Würdest du nach dieser Leseprobe das vollständige Buch weiterlesen oder kaufen wollen?
Falls du den Bonus gelesen hast, interessiert mich auch, wie dir die Chemie zwischen Mara und Florian gefällt.
Du musst keinen langen Text schreiben. Beispielsweise reicht:
Spannung 9/10 · Schreibstil 8/10 · Figuren 9/10 · Weiterlesen: JA! 🖤
Auch ehrliche Kritik ist willkommen. Schließlich möchte ich wissen, was dir gefällt und wo ich noch besser werden kann.
Vielen Dank fürs Lesen und für deine Unterstützung!
NIUX 🖤
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