MARKIERT – DER EINSTIEG
Kostenlose Leseprobe
Dark Romance × Psychologischer Thriller · Leseempfehlung ab 18 Jahren
Kurzer Hinweis:
Der folgende Auszug stammt aus dem Originalwerk. Die Leseprobe enthält einen
ausgewählten, spoilerarmen Ausschnitt und endet bewusst vor der Fortsetzung.
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Kapitel 3A – Kontrolle (Zwischenspiel)
Lina
Die zweite Regel
Ich hätte schwören können, dass ich Schritte auf dem Flur höre.
Nicht diese normalen Schritte von Nachbarn, die spät noch den Müll runterbringen, nicht
dieses gleichmäßige tap–tap–tap, das zu einer Routine gehört.
Das hier war… zu gezielt.
Ich hielt den Atem an, stand mitten im Wohnzimmer, das plötzlich zu klein war, zu
dünnwandig, zu ehrlich. Mein Handy vibrierte noch in meiner Hand, als würde es mich
auslachen. Als würde es sagen: Du kannst nicht so tun, als wäre es nicht passiert.
„Du bist wach.“
Die Nachricht war nicht lang. Kein Name. Keine Nummer, die ich kannte. Nur Text. Und
darunter, als wäre es ein Beweis, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, mich
wirklich zu beobachten:
„Dein Licht war eben noch an.“
Ich löschte es sofort. Dunkelheit schluckte die Konturen meiner eigenen Möbel. Der Raum
wurde fremd, die Luft kälter. Und mit der Dunkelheit kamen die Gedanken zurück, die
ich tagsüber wegdrückte: Die Mail. Die Drohung. Diese eine Formulierung, die sich wie
eine Klinge in meinem Kopf festgesetzt hatte.
„Du gehörst nicht mehr dir.“
Ich presste den Rücken an die Wand neben der Balkontür, als könnte ich mich so
unsichtbar machen. Der Flur draußen war still. Die Heizung klickte. Irgendwo tropfte ein
Wasserhahn.
Dann vibrierte das Handy erneut.
„Öffne nicht.“
Ich starrte auf die Worte, als wären sie ein schlechter Scherz. Und trotzdem: Mein Körper
gehorchte, bevor mein Verstand nachkam. Meine Finger bewegten sich nicht zur
Türklinke. Ich blieb, wo ich war, in der Dunkelheit, mit einem Herzschlag, der mir die
Rippen zählen wollte.
Eine neue Nachricht.
„Du bist nicht allein. Aber du musst jetzt tun, was ich sage.“
Ich schluckte. Meine Kehle war trocken, als hätte ich Sand geschluckt. „Wer bist du?“,
tippte ich. Meine Daumen zitterten, ich löschte das Fragezeichen dreimal, schrieb es neu,
als würde das die Situation kontrollierbarer machen.
Die Antwort kam nicht sofort.
Ein paar Sekunden, die zu lang waren, in denen ich das Geräusch eines Fahrstuhls hörte.
Oder mir einbildete. Dann:
„Marek.“
Ich kannte den Namen nicht. Aber irgendetwas in mir reagierte trotzdem, als hätte mein
Nervensystem ihn schon einmal gehört. Nicht als Person. Eher als… Rolle.
„Hör mir zu, Lina.“
Ich zuckte zusammen. Mein Name.
Ich spürte, wie mir die Wärme aus den Händen wich. Der Flur draußen war wieder still,
aber mein Kopf war es nicht mehr.
„Woher kennst du meinen Namen?“, tippte ich.
„Später. Jetzt: Geh weg vom Fenster. Stell dich so, dass du die Tür sehen kannst. Und
mach kein Geräusch.“
Mein Körper machte es, bevor ich es begriff. Ich ging langsam, lautlos, bis ich von
meinem Platz aus die Wohnungstür sehen konnte. Der Spion glänzte im Dunkeln wie ein
Auge.
Dann: ein leises Klopfen.
Nicht hektisch. Nicht aggressiv. Drei Schläge. Pause. Zwei Schläge.
Ein Muster.
Ich hielt die Luft an. Mein Blick klebte an der Tür. Meine Hand umklammerte das Handy
so fest, dass meine Finger schmerzten.
„Spion.“, schrieb Marek.
Ich trat näher, langsam, als wäre ich in einem Traum. Ich hob mich auf die Zehenspitzen
und blickte durch das kleine runde Glas.
Da war ein Mann. Dunkle Jacke. Kapuze. Kein Gesicht, nur ein Schatten. Er stand zu nah
an der Tür, zu nah an meiner Welt.
Und er lächelte.
Ich sah es nicht richtig — aber ich wusste es. Ein Lächeln hat eine Art, sich durch Stoff
und Distanz zu drücken, wenn es böse ist.
Mein Magen krampfte.
„Nicht öffnen.“
Das Handy vibrierte wieder, als würde es mich festhalten.
Der Mann draußen hob langsam die Hand und legte etwas vor die Tür. Ein Umschlag.
Weiß. Sauber. Als hätte er Zeit gehabt, ihn zu bügeln.
Dann klopfte er noch einmal.
Ein einziger Schlag. Wie eine Unterschrift.
Und ging.
Ich blieb stehen. Ich wartete, bis ich Schritte hörte, bis ich den Aufzug hörte, bis ich
irgendwas hörte, das mir sagte, er ist weg.
Nichts.
Nur Stille. Und mein Blut, das so laut war, dass ich dachte, es müsste durchs Treppenhaus
hallen.
„Jetzt?“, tippte ich.
„Warte drei Minuten.“
Ich tat es. Drei Minuten, die sich wie drei Stunden anfühlten. Als ich wieder zum Spion
sah, war der Flur leer. Ich stand da, die Hand an der Tür, und mein ganzer Körper schrie:
Nein.
„Hol den Umschlag. Schnell. Und dann wieder abschließen.“
Ich öffnete die Tür nur einen Spalt, gerade so, dass meine Finger den Umschlag greifen
konnten. Kaltes Papier. Als hätte es draußen im Schnee gelegen.
Ich zog ihn rein, schloss sofort ab, verriegelte. Erst dann atmete ich wieder.
Der Umschlag war nicht verschlossen. Nur eingesteckt.
Ich zog das Blatt heraus.
Eine einzige Zeile, gedruckt, keine Handschrift:
„Du hast 48 Stunden.“
Darunter eine Adresse.
Und darunter, als wäre es ein kleiner Zusatz, ein Hohn:
„Wenn du Hilfe willst, komm allein.“
Ich starrte auf die Adresse und spürte, wie mein Mund trocken wurde.
„Was ist das?“, schrieb ich an Marek.
Diesmal kam die Antwort sofort.
„Eine Falle.“
Ich lachte kurz auf. Ein hässliches, leeres Geräusch. „Na super.“
„Du wirst nicht allein hingehen.“
„Du kennst mich nicht.“
„Doch.“
Ich spürte, wie sich mein Nacken anspannte. „Dann sag mir was über mich.“
Ein Moment Pause.
Dann:
„Du bist stolz. Du lässt dir ungern helfen. Du denkst, du müsstest stark sein, weil niemand
sonst es für dich war.“
Mein Herz stolperte.
„Und du bist müde, Lina. Mehr als du zugibst.“
Ich schloss die Augen. Das traf zu nah.
„Wer bist du wirklich?“
Die Antwort kam nicht als Text. Sie kam als Anruf.
Mein Display zeigte „Unbekannt“. Ich starrte eine Sekunde drauf, dann nahm ich ab, weil
ich nicht mehr atmen konnte, ohne Antworten zu haben.
„Lina.“ Seine Stimme war tief. Ruhig. Keine Spur von Panik. Kein Zittern. Als würde er in
einem Raum sitzen, in dem es keine Bedrohungen gibt.
Oder als wäre er selbst eine.
„Wie…“, begann ich, aber er schnitt mir den Satz ab.
„Du stellst jetzt keine Fragen, die dich nicht weiterbringen.“
Ich hob die Augenbrauen, obwohl niemand es sehen konnte. „Entschuldigung?“
Ein leises Ausatmen am anderen Ende. Kein Seufzen. Eher… Geduld.
„Du hast genau zwei Optionen“, sagte er. „Du bleibst da, wo du bist, und hoffst, dass sie
dich nicht holen. Oder du tust jetzt das, was ich dir sage, und du überlebst die nächsten
48 Stunden.“
„Wer sind ‘sie’?“ Meine Stimme klang kleiner, als ich wollte.
„Die, die dich auf diese Adresse locken.“ Er machte eine Pause. „Und die, die glauben,
dass du ihnen etwas schuldest.“
Ich ballte die freie Hand zur Faust. „Ich schulde niemandem—“
„Stopp.“ Sein Ton war nicht laut. Aber er traf. Wie ein Befehl, der nicht nach Diskussion
klingt.
Ich verstummte. Und hasste mich dafür, dass ich verstummte.
Er merkte es. Natürlich merkte er es.
„Du bist nicht schwach, weil du gerade gehorchst“, sagte er ruhig. „Du bist klug.“
Meine Kehle zog sich zusammen. Ich starrte auf den Umschlag in meiner Hand, als
könnte er mir erklären, wie ich in diese Situation geraten war.
„Warum hilfst du mir?“, fragte ich leiser.
„Weil ich entschieden habe, dass du heute nicht verschwindest.“
Ich schluckte. „Und wer gibt dir dieses Recht?“
Ein kurzer Moment. Dann: „Ich.“
Da war sie — diese Art von Dominanz, die nicht schreit. Die nicht beweisen muss, dass sie
existiert. Sie ist einfach da.
Mein Herz machte etwas Dummes. Etwas, das in dieser Situation nicht passieren sollte.
„Okay“, sagte ich, obwohl ich nicht wusste, ob ich damit ihm zustimmte oder nur dem
Fakt, dass ich keine Wahl hatte.
„Gut.“ Seine Stimme wurde minimal weicher. „Dann hör zu. Regel eins: Du gehst jetzt
nicht allein irgendwohin. Regel zwei: Du tust nicht so, als wäre das nur ein
Missverständnis. Das ist kein Film. Die wollen dich in Bewegung sehen.“
Ich presste die Lippen zusammen. „Und Regel drei?“
Ein leises, dunkles Lachen. „Regel drei bekommst du, wenn du vor mir stehst.“
Mein Bauch zog sich zusammen. Hitze, die nichts mit der Heizung zu tun hatte.
„Marek…“ Ich sagte seinen Namen, und es fühlte sich gefährlich an, als würde ich etwas
anrufen, das lieber im Schatten bleibt.
„Pack eine Tasche“, sagte er, wieder komplett kontrolliert. „Nur das Nötigste. Keine
Schmuckstücke, nichts, was du später bereust. Und Lina?“
„Ja?“
„Du bleibst am Telefon.“
Ich atmete ein. „Warum?“
Eine Pause. Dann, leiser:
„Weil ich hören will, dass du noch da bist.“
Mein Puls klopfte hart. Ich hielt das Handy fester an mein Ohr. „Ich bin hier.“
„Gut.“
Ich ging ins Schlafzimmer, zog den Schrank auf. Hände automatisch, Kopf wie in Watte.
Kleidung. Unterwäsche. Ladekabel. Pass. Schlüssel.
Dann blieb ich stehen, als mein Blick auf den Spiegel fiel. Ich sah aus wie jemand, der
gerade versucht, in einem fremden Leben aufzuwachen.
„Ich habe Angst“, sagte ich plötzlich.
Er antwortete nicht sofort. Als würde er abwägen, was er mir geben kann, ohne mir zu
viel zu geben.
„Angst ist okay“, sagte er schließlich. „Aber du wirst jetzt nicht aufhören, nur weil du
Angst hast.“
Ich schluckte. „Du redest, als würdest du wissen, wie das ist.“
Wieder diese kurze Stille.
„Ich weiß, wie es ist, jemanden zu verlieren, weil man zu spät reagiert“, sagte er, und in
diesem einen Satz war etwas, das tiefer ging als Kontrolle. Etwas, das wie eine Narbe
klang.
Mein Hals wurde eng. „Okay.“
Ich schloss den Reißverschluss der Tasche. Mein Blick wanderte zurück zur
Wohnungstür.
„Und jetzt?“, fragte ich.
„Jetzt gehst du zur Tür“, sagte Marek. „Und du öffnest sie. Langsam. Und du gehst raus.
Wenn im Flur jemand steht, sagst du nichts. Du gehst einfach. Verstanden?“
Mein Herz hämmerte. „Verstanden.“
Ich griff nach der Türklinke.
Mein Finger lag auf dem Metall, kalt, hart, endgültig.
„Lina“, sagte er, und seine Stimme wurde einen Hauch tiefer. „Bevor du rausgehst: Atme.
Und merk dir eins.“
„Was?“
„Wenn du heute Nacht die falsche Entscheidung triffst… dann triffst du sie nur einmal.“
Ich schloss die Augen. Atmete ein. Aus.
Und öffnete die Tür.
Der Flur war leer.
Aber auf dem Boden, direkt vor meinen Füßen, lag etwas Neues.
Ein zweiter Umschlag.
Schwarz.
Ohne Schrift.
Und mein Handy vibrierte in meiner Hand, als wäre es plötzlich schwerer geworden.
„Marek…“, flüsterte ich.
„Ich weiß“, sagte er ruhig. „Jetzt rennst du nicht. Jetzt denkst du.“
Ich starrte auf den schwarzen Umschlag.
Und wusste, dass die 48 Stunden gerade erst begonnen hatten.
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