MARKIERT – DIE VERGANGENHEIT


Kostenlose Leseprobe

Dark Romance × Psychologischer Thriller · Leseempfehlung ab 18 Jahren
Kurzer Hinweis:
Der folgende Auszug stammt aus dem Originalwerk. Die Leseprobe enthält einen
ausgewählten, spoilerarmen Ausschnitt und endet bewusst vor der Fortsetzung.


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Ich gehe zurück in den Gang. Drei Meter weiter. Blanker Beton. Keine Klinke. Keine Fuge,
wenn man nicht weiß, wo man schauen muss.
Der Schlüssel passt in ein Loch unter einer abgeplatzten Stelle im Putz. Ich drehe.
Mechanik.
Schwer. Ehrlich. Die Wand öffnet sich einen Spalt. Kalte Luft. Öl. Staub. Altbau unter
Neubau.
Hamburg ist voll davon. Schichten, die niemand abreißt, weil jeder glaubt, sie wären
vergessen. Ich gehe hinein und ziehe die Tür hinter mir zu.
Keine Elektronik. Kein Licht. Erst nach zwölf Schritten ertaste ich den alten Schalter. Eine
einzelne Lampe geht an.
Gelb. Schwach. Vor mir ein Versorgungstunnel. Backstein auf der einen Seite. Beton auf
der anderen.
Zwei Zeiten in einem Gang. Ich kenne ihn. Nicht aus einem Plan. Aus einer Nacht, in der
ich zum ersten Mal verstanden habe, dass ein Ausgang nur dann ein Ausgang ist, wenn
niemand weiß, dass du ihn brauchst.
Das war lange vor Mary. Lange vor Lina. Lange bevor der Name Lux wieder in
irgendeinem System auftauchen sollte.
Ich gehe los. Mein Schritt wird leiser, ohne dass ich darüber nachdenken muss. Muskeln
erinnern sich besser als Menschen.
Nach fünfzig Metern vibriert mein Gerät wieder. Ich ziehe es nicht heraus. Noch einmal.
Dann dreimal kurz.
Muster. Nicht Status. Anruf. Kein normaler Kanal. Ich bleibe stehen. Hier unten dürfte
nichts durchkommen.
Kein Mobilfunk. Kaum Funk. Die Wände sind zu dick. Das Gerät vibriert trotzdem. Ich
nehme es heraus.
Kein Name. Nur eine Zeichenfolge. 7-3-1. Mein Körper wird still. Nicht aus Angst. Aus
Erinnerung.
Sieben. Drei. Eins. Ich habe diese Reihenfolge seit Jahren nicht gesehen. Nicht digital. Nie
digital.
Sie gehörte zu einer Zeit, in der wir Nachrichten über Dinge geschickt haben, die
niemand überwachen konnte, weil niemand mehr wusste, dass sie existierten.
Ich nehme den Anruf an. Sage nichts. Nur Rauschen. Dann ein Atemzug. Männlich. Alt
genug, um nicht hektisch zu klingen.
„Du bist wieder laut.“
Meine Hand schließt sich fester um das Gerät. Die Stimme kenne ich nicht sofort. Das
macht sie gefährlicher.

„Wer ist da?“
Kurzes Schweigen.
„Falsche Frage.“
Ich gehe nicht weiter.
„Dann stell die richtige.“
Ein leises Geräusch am anderen Ende. Vielleicht Wind. Vielleicht Papier.
„Warum benutzt du einen toten Weg?“ fragt die Stimme.
Jetzt erkenne ich etwas. Nicht den Menschen. Den Rhythmus. Englisch hätte besser zu
ihm gepasst.
Er spricht trotzdem Deutsch. Für mich.
„Weil die lebenden überwacht werden.“
„Dann hat es also angefangen.“
„Was?“
„Dass du wieder glaubst, du könntest gewinnen.“
Ich schließe die Augen für eine Sekunde. Nicht lang genug für ein Bild. Lang genug für
Stein.
Regen. Eine Treppe, die nach unten führt, obwohl draußen eine Stadt nach oben gebaut
ist.
Und eine Tür mit Messinggriff. Edinburgh. Ich öffne die Augen.
„Du bist spät“, sage ich.
Die Stimme lacht nicht.
„Du bist Jahre zu früh.“
Dann bricht die Verbindung ab. Kein Abschied. Kein Name. Nur Stille. Ich sehe auf das
Display.
Der Anruf steht nicht in der Liste. Natürlich nicht. 7-3-1. Ich tippe die Zahlen nicht
irgendwo ein.
Ich brauche sie nicht. Sie waren nie ein Code. Sie waren eine Richtung. Sieben Schritte
vom Eingang.
Dritte Tür. Erste Treppe. Ein Ort, den ich nicht mehr betreten wollte. Ein Ort, an dem ich
etwas zurückgelassen habe, weil ich wusste, dass ich es irgendwann entweder brauchen
oder fürchten würde.
Damals habe ich mich für Fürchten entschieden. Heute Nacht reicht das nicht mehr. Ich
gehe weiter.
Der Tunnel endet an einer schweren Stahltür. Kein Schloss auf meiner Seite. Nur ein
Hebel.
Ich drücke ihn langsam nach unten. Draußen trifft mich kalte Luft. Hafen. Nicht der
schöne Teil.
Kein Wasser, das sich für Postkarten interessiert. Container. Zäune. Schienen. Ein alter
Versorgungshof zwischen Lagerhallen, die nachts aussehen, als würden sie nur auf
jemanden warten, der einen Fehler macht.
Ich bleibe im Schatten. Zähle Lichtquellen. Vier. Kameras. Drei sichtbar. Eine
wahrscheinlich im Dachwinkel. Fahrzeuge.
Zwei. Menschen. Keine. Zu sauber. Ich gehe nicht raus. Stattdessen knie ich mich an die
Türschwelle.

Dort liegt Staub. Und darin eine Spur. Schuhsohle. Frisch. Nicht von mir. Jemand kennt
den Tunnel.
Oder hat ihn heute Nacht gefunden. Ich gehe zurück. Nicht weit. Zehn Schritte. Dann
rechts in eine Nische.
Warte. Dreißig Sekunden. Nichts. Eine Minute. Dann höre ich den Motor. Nicht laut. Ein
Wagen rollt auf den Hof.
Licht aus. Nur Standlicht für zwei Sekunden. Dann auch das weg. Die Fahrertür öffnet
sich.
Eine Person steigt aus. Männlich. Groß genug, dass die Silhouette über die Motorhaube
ragt. Kein Hausmantel.
Keine Uniform. Kapuze. Er geht nicht zur Stahltür. Er geht an ihr vorbei. Zu einer grauen
Metallbox an der Wand.
Öffnet sie. Nimmt etwas heraus. Ein kleines Paket. Dann bleibt er stehen. Ein Atemzug.
Und sagt in die Dunkelheit:
„Du kannst rauskommen.“
Ich bewege mich nicht. Er wartet.
„Oder wir machen das wie früher.“
Früher. Das Wort entscheidet. Ich trete aus der Nische. Nicht auf den Hof. Nur in den
schmalen Lichtsaum der offenen Tür.
Der Mann dreht sich langsam. Ich sehe sein Gesicht. Und kenne es. Nicht gut. Aber genug.
Raban. Er trägt keine sichtbare Waffe. Natürlich hat er eine.
„Du solltest nicht hier sein“, sage ich.
„Du auch nicht.“
„Mary?“
Er antwortet nicht sofort. Falsch. Mein Blick wird härter.
„Raban.“
„Jaro hat Bewegung.“
„Das war nicht die Frage.“
„Sie lebt.“
Mehr brauche ich für den Moment nicht. Mein Brustkorb löst sich keinen Millimeter. Gut.
So soll es sein.
„Bei Lina?“
„Unterwegs.“
„Verfolgt?“
„Alles ist verfolgt.“
„Konkret.“
Raban kommt einen Schritt näher. Nicht zu nah. Er kennt meine Regeln nicht. Er kennt
meine Abstände.
„Jaro hat sie aus der Linie genommen. Felix baut gerade drei falsche Spuren und flucht
über eine Platine, die er gern persönlich erschießen würde.“
Fast muss ich lächeln. Fast.
„Dann lebt Felix auch.“
„Leider.“
Gut. Normalität in einem Satz. Raban hält mir das Paket hin. Ich nehme es nicht.
„Was ist das?“

„Das, weswegen ich hier bin.“
„Von wem?“
„Weiß ich nicht.“
„Dann hast du es geöffnet.“
„Natürlich.“
„Und?“
„Deshalb bin ich hier.“
Ich nehme das Paket. Braunes Papier. Kein Klebeband. Schnur. Altmodisch genug, um
Absicht zu sein.
Oben keine Adresse. Nur ein Wort. LUX. Nicht gedruckt. Mit schwarzer Tinte. Ich kenne
die Handschrift nicht.
Das gefällt mir nicht.
„Wo lag es?“
„In der Box.“
„Seit wann?“
„Die Box war leer, als ich sie vor drei Wochen geprüft habe.“
Ich sehe ihn an.
„Du prüfst sie?“
Raban zuckt nicht.
„Manche Leute haben Hobbys.“
„Du hast keine.“
„Eben.“
Ich löse die Schnur. Nicht schnell. Papier auf. Darin liegt kein Gerät. Keine Karte. Nur ein
Schlüssel.
Messing. Alt. An einem Lederanhänger. Und ein Stück Papier, zweimal gefaltet. Ich fasse
zuerst das Papier an.
Öffne es. Eine Adresse. Keine Erklärung. Keine Koordinaten. Nur Straße. Hausnummer.
Edinburgh. Mein Blick bleibt einen Moment zu lange darauf.
Raban sieht es.
„Du kennst den Ort.“
„Ja.“
„Gut?“
„Nein.“
Er wartet. Ich falte das Papier wieder. Stecke es ein. Dann nehme ich den Schlüssel.
Auf dem Messing ist etwas eingeritzt. Keine Zahl. Ein Wort.
NORTH.
Raban liest es nicht laut. Gut.
„Was ist dort?“ fragt er.
„Etwas, das ich zurückgelassen habe.“
„Waffe?“
„Schlimmer.“
„Geld?“
„Nützlicher.“
Er sieht mich an. Ich gebe ihm nichts weiter. Noch nicht. Raban nickt minimal.
„Dann gehst du hin.“

„Nein.“
Er hebt eine Augenbraue.
„Du hast gerade den Blick von einem Mann, der schon im Flugzeug sitzt.“
„Flugzeuge werden gelistet.“
„Züge auch.“
„Autos.“
„Fähren.“
„Menschen.“
Stille. Raban versteht.
„Du willst nicht reisen.“
„Ich will verschwinden.“
Er schaut zum Hof.
„Das ist ein Unterschied?“
„Für das Haus schon.“
Mein modernes Gerät vibriert wieder. Diesmal ziehe ich es heraus. Das Ortungssymbol
läuft noch im Kreis.
Hafen. Innenstadt. Elbbrücken. Dann friert der Bildschirm ein. Eine Sekunde. Zwei. Neue
Zeile.
ZIEL LUX: SIGNAL INSTABIL.
Ich sehe Raban an.
„Zeit.“
Er nickt. Kein Nachfragen. Wir gehen nicht zum Wagen. Zu offensichtlich. Raban öffnet
eine zweite Metallbox an der Hofwand.
Dahinter kein Paket. Ein alter Schalter. Er legt ihn um. In der Ferne geht eine Lampe aus.
Dann noch eine. Dann das Summen einer Kamera. Tot.
„Dreißig Sekunden“, sagt er.
„Zwanzig.“
Wir gehen. Nicht zusammen. Er zuerst nach links. Ich fünf Sekunden später nach rechts.
Zwischen zwei Containern ziehe ich das moderne Gerät heraus.
Ich halte es in der Hand. Nicht wegwerfen. Zu leicht. Nicht zerstören. Zu eindeutig. Vor
mir steht ein abgestellter Kühlcontainer.
Generator läuft. Metallwand. Strom. Vibration. Ich öffne die Wartungsklappe am
Aggregat. Heißer Luftzug. Ich schiebe das Gerät tief hinter eine Leitung.
Nicht so, dass es verbrennt. So, dass es weiterlebt. Weiter meldet. Weiter bewegt wird,
sobald der Container verladen wird.
Ein kleines schwarzes Ziel auf dem Weg in irgendeinen Hafen, den das Haus gern
beobachten darf.
Ich schließe die Klappe. Gehe weiter. Mein Körper fühlt den Unterschied sofort. Kein
Gerät an der Brust.
Kein Summen. Kein kleiner elektronischer Puls, der anderen Leuten erzählt, dass ich
existiere. Stille. Echte Stille.
Ich habe sie vermisst. Am Ende der Containerreihe wartet kein Auto. Nur ein Fahrrad.
Alt.
Schwarz. Licht kaputt. Raban hat Humor, wenn niemand hinsieht. Ich steige auf. Keine
App. Kein Kennzeichen.

Keine Buchung. Nur Kette, Pedale und ein Reifen, der zu wenig Luft hat. Perfekt. Ich
fahre.
Hamburg zieht an mir vorbei, ohne zu wissen, dass ich gerade aus einem System falle.
Nebenstraßen. Unterführungen. Einmal über eine Brücke, die niemand fotografiert. Nicht
Richtung Wohnung. Nicht Richtung Hafen.
Nicht zu irgendeinem Ort, an dem jemand meinen Namen kennt. Nach zwanzig Minuten
stelle ich das Fahrrad hinter einem geschlossenen Getränkemarkt ab.
Gehe zu Fuß weiter. Regen beginnt. Fein. Kalt. Hamburg wäscht nichts sauber. Es verteilt
nur Dreck gleichmäßiger.
Ich ziehe keine Kapuze hoch. Kameras suchen Gesichter. Menschen suchen Verhalten.
Ein Mann, der sich versteckt, fällt auf.
Also verstecke ich mich nicht. Ich werde normal. Kiosk. Bushaltestelle. Zwei Menschen
streiten über irgendeine Nachricht auf einem Handy.
Ein Lieferfahrer raucht unter einem Vordach. Eine Frau zieht ihren Hund weg von einer
Pfütze, als könnte sie entscheiden, welche Art Dreck heute erlaubt ist.
Normalität. Das beste Tarnnetz der Welt. Ich gehe drei Straßen weiter. Dann in einen
Hauseingang.
Altbau. Kein Schild mit meinem Namen. Kein Mensch wartet. Im zweiten Stock eine Tür.
Ich klopfe nicht.
Der Schlüssel aus der Waschküche passt nicht hier. Dafür ein anderer. Seit Jahren in der
Innenseite meines Gürtels eingenäht.
Ich ziehe ihn heraus. Einmal drehen. Tür auf. Die Wohnung dahinter ist leer. Nicht
unbewohnt.
Leer. Tisch. Stuhl. Schrank. Kein Bett. Kein persönlicher Gegenstand. Ein Ort, der nur
dann existiert, wenn jemand aufhören muss zu existieren.
Ich schließe die Tür. Licht bleibt aus. Gehe zum Schrank. Öffne ihn. Darin Kleidung. Grau.
Dunkelblau. Nichts Schwarz. Schwarz ist zu sehr ich. Ich ziehe das Hemd aus. Wechsle in
einen grauen Pullover.
Jacke darüber. Bart bleibt. Gesicht bleibt. Man kann sich nicht aus allem herausziehen.
Im unteren Fach liegt ein kleiner Rucksack.
Bargeld. Wasser. Ein altes Telefon ohne SIM. Zwei Pässe. Ich sehe sie an. Nicht beide
gehören mir.
Nicht im juristischen Sinn. Im praktischen schon. Ich nehme nur einen. Dann das Papier
aus dem Paket.
Edinburgh. Die Adresse sieht in diesem Raum fremder aus als draußen. Weil sie nicht wie
ein Ziel wirkt.
Wie eine Rückkehr. Ich setze mich nicht. Stelle mich ans Fenster, seitlich, einen Meter
zurück.
Gewohnheit. Marek hätte darüber gelächelt. Jaro würde fragen, ob ich verfolgt wurde.
Mary würde sagen, dass sie es hasst, wenn ich alles beobachte, als wäre sogar eine
Gardine Teil einer Operation.
Mary. Mein Kopf geht zur Tür. Schwarzer Korridor. Ihre Augen. Der Moment, bevor sie
gegangen ist.
Ich entscheide, wie weit ich gehe. Sie hat entschieden. Und jemand intern hat ihre
Entscheidung überschrieben.
6
Das ist kein Angriff auf Mary. Nicht nur. Es ist eine Nachricht an mich. Du kannst
Menschen aus unseren Listen ziehen.
Wir können sie wieder hineinsetzen. Du kannst Regeln benutzen. Wir schreiben sie um.
Du glaubst, du bist außerhalb.
Bist du nicht. Edinburgh. Der Name reicht, um einen Teil meines Körpers an eine andere
Temperatur zu erinnern.
Kälter als Hamburg. Nasser. Stein statt Glas. Gassen, die aussehen, als wären sie gebaut
worden, damit Geheimnisse nicht geradeaus laufen müssen.
Ich war damals nicht dort, um mich zu verstecken. Verstecken war nie meine Aufgabe.
Ich war dort, weil jemand entschieden hatte, dass ein Problem beendet werden musste,
ohne dass es hinterher wie ein Problem aussah.
Das Haus mochte solche Sätze. Sauber. Neutral. Kein Blut in der Sprache. Nur
Konsequenz. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Worte Menschen nicht
weniger tot machen.
Nur die, die sie aussprechen, ruhiger schlafen lassen. Damals kannte ich jede Ebene, die
für mich wichtig war.
Nicht alle Namen. Namen waren Luxus. Funktionen reichten. Zusteller. Korrektor.
Freigabe. Rücknahme. Und ich. Wenn etwas nicht mehr in die Ordnung passte, bekam ich
keinen Titel.
Nur eine Richtung. Geh hin. Sieh es dir an. Entscheide. Die meisten Menschen glauben,
Macht bedeutet, dass dir viele Befehle geben.
Echte Macht beginnt dort, wo keiner mehr genau sagt, was du tun sollst, weil alle hoffen,
dass dein Ergebnis ihnen gefällt.
Ich war gut darin. Zu gut. Vielleicht ist das der Grund, warum sie mich später gehen
ließen.
Vielleicht ist es der Grund, warum sie nie wirklich geglaubt haben, dass ich gegangen bin.
Edinburgh war nicht mein Anfang. Aber es war der Ort, an dem ich zum ersten Mal einen
Auftrag nicht so beendet habe, wie er vorgesehen war.
Ein Mensch blieb auf einer Liste, der hätte verschwinden sollen. Ein anderer verschwand
aus einer Liste, obwohl das Haus ihn behalten wollte.
Und irgendwo dazwischen habe ich etwas kopiert, das ich nicht hätte sehen dürfen. Nicht
digital.
Nicht vollständig. Nur genug. Genug, um Jahre später noch gefährlich zu sein. Ich habe es
nicht mit nach Hamburg genommen.
Das wäre dumm gewesen. Ich habe es dort gelassen, wo das Haus damals glaubte, ich
hätte alles verbrannt.
Und danach habe ich aufgehört, zurückzusehen. Bis Mary. Bis Lina. Bis jemand INTERN
auf einen Knopf gedrückt hat, der nicht hätte existieren dürfen.
Jetzt ist Edinburgh kein Rückweg mehr. Es ist eine Rechnung. Und ich weiß noch nicht,
wer sie bezahlen wird.
Ich falte die Adresse einmal. Noch einmal. Stecke sie in die Innentasche. Dann nehme ich
das alte Telefon.
Kein Netz. Kein Anbieter. Nur eine gespeicherte Funktion. Ich drücke lange auf die Eins.
Nichts.
7
Zwei Sekunden. Drei. Dann ein Ton. Nicht verbunden. Nur bereit. Ich gebe 7-3-1 ein. Der
Bildschirm bleibt schwarz.
Eine kleine grüne LED geht an. Früher bedeutete sie, dass ein Weg frei war. Heute
bedeutet sie nur, dass irgendwo noch etwas antwortet.
Ich warte. Zehn Sekunden. Zwanzig. Dann blinkt die LED zweimal. Antwort. Auf dem
Display erscheint kein Name.
Nur Text.
NORDKANAL AKTIV.
Darunter:
ARCHIVSTATUS: UNBEKANNT.
Ich werde still. Das hätte nicht dort stehen dürfen. Nicht unbekannt. Nicht aktiv. Gar
nichts hätte dort stehen dürfen.
Der Nordkanal war tot. Ich selbst habe ihn begraben. Vor Jahren. Ich drücke nicht weiter.
Dann erscheint eine dritte Zeile. Nicht automatisch. Jemand tippt sie auf der anderen
Seite. Langsam genug, dass die Buchstaben einzeln auftauchen.
L. U. X. Pause.
Dann:
WENN DU NACH EDINBURGH KOMMST, BRING MARY NICHT MIT.
Mein Körper wird still. Vollständig. Nicht weil jemand Edinburgh kennt. Nicht weil
jemand den Nordkanal geöffnet hat.
Sondern weil Marys Name dort steht. Auf einem Weg, der tot war, bevor sie überhaupt
Teil dieser Geschichte wurde.
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HIER ENDET DIE LESEPROBE
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